3. Unschärfe

Im vorigen Abschnitt haben wir gesehen, wie schwierig es ist, den Begriff der Bildschärfe konkret zu beschreiben und in der Praxis zu handhaben. Daher macht es durchaus Sinn, sich genauso intensiv mit dem Gegenteil, der Unschärfe, zu beschäftigen.

Wie zu erwarten, ist auch das Phänomen der Unschärfe mindestens genauso komplex und facettenreich wie das der Schärfe. Deshalb will ich mich hier zunächst auf die Beschreibung verschiedener Ursachen für das Entstehen von Unschärfe in Fotografien beschränken. Einige dieser Ursachen werden später noch eingehender behandelt. Hier will ich zunächst nur einen Überblick geben. Dabei kann meine Aufzählung natürlich nicht komplett und abschließend sein. Zum besseren Verständnis werde ich mich auf die für die Aufnahmepraxis wichtigen Ursachen der Unschärfe konzentrieren.

Fehlerhafte Entfernungseinstellung

scharfrichtiger FokusVor jeder Aufnahme muss das Kameraobjektiv auf ein bestimmtes Objekt fokussiert werden, d.h. scharfgestellt werden. Dabei wird die Linsengruppe im Objektiv so verschoben, dass das vom Objekt reflektierte Licht sich in einem Punkt auf dem Kamerasensor trifft (Einzelheiten im nächsten Abschnitt). Das Objekt wird dann scharf aufgenommen. Im nebenstehenden Foto lag der Fokus auf der linken Blüte.

unscharfWird das Objektiv nicht richtig auf das Objekt fokussiert, wird das Licht also nicht in einem Punkt auf den Sensor projiziert, es entsteht ein sog. Zerstreuungskreis. Dieser Zerstreuungskreis bewirkt ab einer bestimmten Größe, dass das Objekt nur noch unscharf abgebildet wird, worauf ich später noch näher eingehen werde.

falsche FokusDie so entstehende Unschärfe ist dadurch gekennzeichnet, dass ein einzelner Bildpunkt nicht als Punkt, sondern als Fläche abgebildet wird. Die Form der Fläche wird durch die Anzahl und Anordnung der Lamellen der Blende im Objektiv bestimmt. Fachleute bezeichnen die Form des Zerstreuungskreises als Bokeh. Es ist ein Kriterium für die Beurteilung der Qualität des Objektivs.

Verwackelung

verwackeltIn der Praxis beruhen unscharfe Fotos oft nicht auf fehlerhaften Fokuseinstellungen, sondern auf Bewegungen bzw. Erschütterungen der Kamera während der Aufnahme. Derartige Unschärfe wird als Verwackelungsunschärfe oder kurz als Verwackelung bezeichnet.

Verwacklungsunschärfe ist dadurch gekennzeichnet, dass ein einzelner Bildpunkt nicht als Fläche, sondern als Linie aufgenommen wird, die der Bewegungsrichtung der Kamera folgt.

Verwackelung
Hier wurde die Kamera während der 1/13 Sekunden langen Belichtung bewegt.

Die Gefahr der Verwackelung besteht insbesondere bei Freihandaufnahmen. Sie wird beeinflusst von der verwendeten Belichtungszeit und der Brennweite des Objektivs. Je länger die Belichtungszeit ist, umso größer ist die Gefahr, dass die Kamera während dieser Zeit bewegt wird. Bei Objektiven mit langen Brennweiten, die einen kleinen Bildwinkel auf den Sensor projizieren, können bereits kleinste Bewegungen Unschärfe verursachen. Deshalb gilt als Faustformel, dass die Belichtungszeit nicht länger als der Kehrwert der Brennweite des Objektivs sein sollte, also z.B. nicht länger als 1/100 Sek. bei einem 100-mm-Objektiv. 

Moderne Kameras oder Objektive verfügen oft über einen sog. Bildstabilisator. Dieser soll kleinste Bewegungen der Kamera während der Aufnahme ausgleichen. Tatsächlich gelingt es so, die nach der Faustformel errechnete Belichtungszeit um ein bis zwei Belichtungsstufen zu verlängern. Erkauft wird dies jedoch durch eine geringere Abbildungsleistung. Wer die Abbildungsleistung seines Objektivs voll ausnutzen will, sollte deshalb die Kamera auf ein stabiles Stativ montieren.

Um Verwackelungen durch das Betätigen des Auslösers zu vermeiden, bieten Hersteller Draht- oder Fernauslöser an. Alternativ kann auch der Selbstauslöser der Kamera genutzt werden, da bei diesem zwischen dem Druck auf den Auslöser und der Aufnahme einige Sekunden vergehen.

Bei Spiegelreflexkameras kann sogar das Hochklappen des Spiegels zu einer Erschütterung der Kamera führen. Deshalb bieten diese Kameras eine sog. Spiegelvorauslösungsfunktion an. Ist diese aktiviert, wird beim ersten Druck auf den Auslöser nur der Spiegel hochgeklappt. Die Aufnahme erfolgt dann erst beim zweiten Druck auf den Auslöser. Gemeinsam mit einem guten Stativ und einem Fernauslöser kann auf diese Weise eine absolut verwackelungsfreie Aufnahme realisiert werden.

Bewegungsunschärfe

Bewegungsunschärfe
Hier wurden während der Aufnahem die Blüten durch starken Wind bewegt.

BewegungsunschärfeGanz ähnlich ist die Bewegungsunschärfe. Wie bei der Verwackelung entsteht auch hier die Unschärfe durch Bewegung während der Aufnahme, nur das hier nicht die Kamera bewegt wird, sondern sich das Objekt bewegt. Auch die Bewegungsunschärfe ist dadurch gekennzeichnet, dass ein Bildpunkt als Linie entsprechend der Bewegungsrichtung des Objekts abgebildet wird. Anders als die Verwackelung betrifft die Bewegungsunschärfe nicht notwendig das gesamte Foto, sondern nur das Objekt, das sich während der Aufnahme bewegt hat.

Die Entstehung von Bewegungsunschärfe wird natürlich auch von der Belichtungszeit und der verwendeten Brennweite beeinflusst. Ebenso wichtig sind aber auch Geschwindigkeit und Bewegungsrichtung des Objekts sowie der Abstand zum Objekt. Um ein sich bewegendes Objekt scharf abzulichten ("einzufrieren"), bedarf es einer vergleichsweise kurzen Belichtungszeit. Bei sehr schnellen Objekten schafft dies oft nur ein Blitzlicht, das für weniger als 1/1000 Sekunden aufblitzt.

Beschlagenes oder verschmutzes Objektiv

beschlagen
Das Objektiv war während der Aufnahme beschlagen.

verschmutztWird die Sicht durchs Objektiv durch Feuchtigkeit oder Schmutz auf der Linse getrübt, nimmt natürlich auch die Bildschärfe ab. Optimale Abbildungsleistungen liefert nur ein sauberes Objektiv. Andererseits ist es auch nicht unüblich, als eine Art Weichzeichnungsfilter Vaseline o.ä. auf die Frontlinse des Objektivs zu schmieren.

Natürlich können auch Verschmutzungen des Kamerasensors die Bildqualität und auch die Bildschärfe erheblich beeinträchtigen.

Abbildungsleistung des Objektivs

Natürlich kann auch die Qualität des Objektivs, genauer gesagt seine Abbildungsleistung, die Bildschärfe beeinflussen. Insbesondere geht es hier um die Frage, wie scharf das Objektiv ein Bild auf den Sensor projizieren kann, d.h. wie stark die Lichtstrahlen eines Punkts im Brennpunkt fokussiert werden.

BildwölbungsfehlerDaneben geht es aber auch um Abbildungsfehler des Objekts, wie z.B. chromatische Aberration. Bei Weitwinkelobjektiven führen Bildwölbungsfehler nach wie vor häufig zu einer starken Abnahme der Bildschärfe an den Bildrändern. Ferner kann auch das Zusammenspiel von Objektiv und Sensor Einfluss auf die Bildschärfe haben. Kamerasensoren stellen bestimmte Anforderungen an die Art, wie ein Bild auf sie zu projizieren ist. Werden diese Anforderungen nicht erfüllt, leidet auch die Bildschärfe.

LichtbeugungInsbesondere in der Makrofotografie kann die sog. Lichtbeugung bei kleiner Blendenöffnung schnell zu einem Problem werden. Die Lamellen der Blende können Lichtstrahlen leicht beugen, die unmittelbar an ihren Kanten vorbei streifen. Dies führt dazu, dass diese Strahlen den Brennpunkt nicht mehr genau treffen, wodurch Unschärfe entsteht. Wird die Blende weiter geöffnet, nimmt dieses Phänomen ab. Deshalb kann in der Makrofotografie die Blende meist nicht weiter als bis f/12 geschlossen werden (Einzelheiten später).

Unpassende Belichtung

Fehlbelichtung
Hier wurden die Blüten durch ein starkes Blitzlicht überbelichtet.

unpassende BelichtungIn vorherigen Abschnitt hatten wir bereits gesehen, dass der Kontrast einer Aufnahme erheblichen Einfluss auf den Schärfeeindruck hat. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass eine zum Motiv passende Belichtung auch den Eindruck der Schärfe erhöhen kann. Wird die Belichtung hingegen so gewählt, dass die bildwichtigen Details blass und kontrastarm abgebildet werden, sinkt auch der Schärfeeindruck.

Kommt es während der Aufnahme gar zu Über- oder Unterbelichtung, werden in den Lichtern bzw. Schatten keine Bilddetails mehr aufgezeichnet, die einen Schärfeeindruck vermitteln könnten.

Unpassende Auflösung

geringe Auflösunggeringe AuflösungEbenfalls erwähnt wurde bereits, dass Unschärfe auch dann entsteht, wenn die Auflösung der Fotos nicht zur dessen Vergrößerung passt. Ein hochaufgelöstes Foto kann stärker vergrößert werden als ein gering aufgelöstes Foto. Unschärfe durch zu geringe Auflösung ist recht gut an schräg verlaufenden Linien oder Kanten zu erkennen, die wie eine Treppe gezackt sind.

Wie hoch aufgelöst die von der Kamera gelieferten Fotos sind, hängt natürlich von dem Auflösungsvermögen des Kamerasensors ab. Bei vielen Kameras lässt sich die Auflösung über das Kameramenü einstellen. Achten Sie darauf, dass stets die höchste Auflösung eingestellt ist.

Bildrauschen

Bildrauschen
Das Bildrauschen führt in diesem Bildausschnitt dazu, dass die feinen Spinnenweben an der Blüte nicht mehr zu erkennen sind.

BildrauschenWird mit hohen ISO-Einstellungen oder bei hohen Temperaturen mit (sehr) langen Belichtungszeiten gearbeitet, kommt es nach wie vor bei digitalen Aufnahmen zu Bildrauschen. Kleinste Bildpunkte, die in Farbe und/oder Helligkeit von ihrer Umgebung abweichen, stören nicht nur den Gesamteindruck, sondern auch den Schärfeeindruck. Kleinste Bilddetails können nicht mehr so gut erkannt werden.

Die meisten Kamerahersteller haben inzwischen ausgefeilte Techniken entwickelt, auftretendes Bildrauschen während der RAW-Konvertierung wieder heraus zu rechnen. Deshalb haben Sie vielleicht den Eindruck, dass Bildrauschen mit Ihrer Kamera kein Problem sei. Sie sollten sich jedoch darüber im Klaren sein, dass die Beseitigung des sog. Luminanzrauschens stets mit einer geringen Weichzeichnung des Bildes verbunden ist (siehe auch: Dunkelkammer - Bildrauschen entfernen).

Ähnlich wie bei einer zu geringen Auflösung, ist Bildrauschen meist nur dann deutlich zu erkennen, wenn ein Foto stark vergrößert wird. Deshalb kann eine verrauschte Aufnahme noch gerettet werden, wenn sie in einem kleinen Format gezeigt wird.

Übermäßige Nachbearbeitung

stark nachbearbeitetBildoptimierung mit einem Bildbearbeitungsprogramm kann die Bildqualität und dadurch auch den Schärfeeindruck nachhaltig verbessern. Jeder Schritt der Bildbearbeitung führt gleichzeitig aber auch zu einem (geringfügigen) Verlust an Bildinformationen. Wird beispielsweise eine Tonwertkorrektur durchgeführt, müssen die neuen Tonwerte von der Software neu berechnet werden. Dabei kommt es regelmäßig zu kleineren Rundungsungenauigkeiten. Wird die Korrektur mehrfach durchgeführt, können sich diese Fehler summieren und als sog. Tonwertabrisse oder Tonwertlücken die Bildqualität mindern.

Ein anderes Problem entsteht, wenn dunkle Bildbereiche später stark aufgehellt werden. Das Aufhellen verstärkt das in dunklen Bildteilen vorhandene Bildrauschen, das oft erst durch das Aufhellen sichtbar wird.

Der nachträglichen Bildoptimierung sind deshalb Grenzen gesetzt. Wird eine Aufnahme stark nachbearbeitet, schlägt die Optimierung irgendwann ins Gegenteil um und ruiniert die Bildqualität und den Schärfeeindruck.