6. Bildgestaltung

Es wurde bereits wiederholt darauf hingewiesen, dass sich Bildschärfe und die Wahrnehmung der Bildschärfe wechselseitig beeinflussen. So erwartet der Betrachter z.B., dass in einer Aufnahme das bildwichtigste Element scharf abgebildet ist. Sind in einem Porträt die Augen des Modells nicht scharf, wirkt das gesamte Porträt unscharf.

Dieses simple Beispiel zeigt deutlich, dass der rein technische Aspekt der Bildschärfe nur bei gleichzeitiger Berücksichtigung der inhaltlichen und ästhetischen Aspekte der Bildschärfe verstanden und beherrscht werden kann. Das eine kann es nicht ohne das andere geben und während das eine vom anderen beeinflusst wird, beeinflusst es zugleich selbst das andere. Dieser Kreislauf der Wechselbeziehungen macht den Umgang mit der Bildschärfe für den Fotografen so komplex. Gleichzeitig ist es aber auch ein schier unerschöpfliches Potential für kreative Ideen.

Dieser Umstand zeigt auch, dass trotz des technischen Fortschritts die Bildschärfe nicht unbesehen der Kameraelektronik überlassen werden sollte. Künstlerische Kreativität ist nach wie vor nicht elektronisch steuerbar.

Alles scharf

Ein von Vorder- bis Hintergrund scharfes Foto, war eines der Ideale der 1932 u.a. von Ansel Adams und Edward Weston gegründeten Group f/64. Lange Zeit galt dies auch unter Fotoamateuren als Ziel einer "reinen Fotografie". Im vorigen Abschnitt wurde bereits darauf hingewiesen, dass eine solche Schärfentiefe mit einer marktüblichen Digitalkamera nur bedingt zu erreichen ist. Andererseits ist es heute aber keine echte technische Herausforderung, von einem Motiv eine Serie von Aufnahmen mit unterschiedlichen Schärfentiefebereichen aufzunehmen, die später in einem Bildbearbeitungsprogramm zu einem einzigen, insgesamt scharfen Bild kombiniert werden. Dies entspricht zwar nicht der Lehre der reinen Fotografie der Group f/64, erweitert aber für die Digitalfotografie die Schärfentiefe deutlich.

Schenkesiedlung - alles scharf
Neben der hohen Schärfentiefe vermitteln in dieser Aufnahme das harte Licht und die kühle Farbgebung Sachlichkeit. Auf den ersten Blick wird dem Betrachter im Foto jedoch nichts geboten. Nur wer weiß, dass das Foto Teil einer Serie ist und den Hintergrund der Serie kennt, kann vielleicht erahnen, dass diese Sachlichkeit als Mittel dient, den Verlust urbanen Lebens spürbar zu machen (siehe Portfolio: warten auf den fortschritt).

Die vollständig scharfe Abbildung eines Motivs suggeriert dem Betrachter Objektivität: Das Motiv wird so gezeigt wie es ist. Der Betrachter kann das Foto nach eigenem Belieben erforschen und sich auf jedes beliebige Detail konzentrieren. Der Fotograf scheint keinen Einfluss auf die Interpretation des Betrachters nehmen zu wollen. Ob diese Annahmen richtig sind, kann zwar mehr als bezweifelt werden. Dennoch vermittelt totale Schärfe Neutralität und Sachlichkeit. Verstärken kann man diesen Eindruck noch durch eine kühle Farbstimmung und eine kontrastreiche Ausleuchtung.

Der Verzicht auf Unschärfe im Foto bedeutet aber nicht, dass der Fotograf auf jegliche Interpretation des Motivs verzichten würde. Tatsächlich ist sogar das Gegenteil der Fall. Um das Interesse des Betrachters für die Aufnahme zu wecken und seine Aufmerksamkeit zu halten, werden nur andere Gestaltungsmittel eingesetzt, wie z.B. die Wahl des Bildausschnitts, die Anordnung der Bildelemente im Bildrahmen, die Linienführung usw. Zudem sollte die Aufnahme dem Betrachter auch etwas bieten, dessen Entdeckung und Erforschung sich lohnt. Allein der Umstand, dass ein Foto scharf ist, beeindruckt heute niemanden mehr.

Aufmerksamkeit lenken

Unschärfe ist aber nicht per se ein Mangel des Fotos. Im Gegenteil durch den bewussten Einsatz von Unschärfe kann eine gewünschte Bildaussage erzeugt oder verstärkt werden.

Die in einem Foto erkennbare Unschärfe hat in der normalen Wahrnehmung keine echte Entsprechung, es sei denn Sie sind fehlsichtig und haben Ihre Brille verlegt. Wenn wir einen Gegenstand in geringem Abstand betrachten, sehen wir den Hintergrund nicht wirklich unscharf, obwohl es tatsächlich zu einer Doppelung des Hintergrunds kommt, da wir mit zwei Augen sehen (sog. Tiefen-Disparität). Tatsächlich nehmen wir den Hintergrund gar nicht wirklich wahr, solange wir unsere Aufmerksamkeit auf etwas anderes richten. Wenn Sie mir nicht glauben wollen, versuchen Sie doch einmal in diesem externer Link Video auf YouTube die Anzahl der Ballpässe zwischen den Spielern der weißen Mannschaft zu zählen; Sie werden erstaunt sein, wie viel Ihnen entgeht.

Wir sehen das, worauf unsere Aufmerksamkeit gerichtet ist. Der Kamerasensor lichtet hingegen alles ab, was im Bildwinkel vorhanden ist. Bei einem vollkommen scharfen Bild ist deshalb zunächst nicht zu erkennen, worauf der Fotograf während der Aufnahme seine Aufmerksamkeit gerichtet hat. Der gezielte Einsatz von Unschärfe kann dies simulieren. Jeder Betrachter versteht sofort, dass der bildwichtige Teil scharf und der unwichtige unscharf abgebildet ist. Indem das bildwichtige Objekt scharf und die Umgebung unscharf wiedergegeben wird, wird die Aufmerksamkeit des Betrachters unmittelbar auf dieses Objekt gelegt.

Sie können durch den gezielten Einsatz der Unschärfe einer Aufnahme eine ganz neue Aussage geben. Sind im unscharfen Bildteil Objekte grade noch zu erkennen, werden diese zu einer Andeutung. Fotoreporter z.B. wissen, dass die dramatischste Aufnahme eines Verkehrsunfalls nicht das zerbeulte Autowrack ist, sondern der verlorene Kinderschuh auf dem Asphalt mit einer unscharfen Andeutung der Unfallstelle im Hintergrund. Die Aufmerksamkeit des Betrachters wird zunächst auf den scharf abgebildeten Schuh gelenkt, der eine Assoziation zu dem Kind auslöst, das selbst nicht zu sehen ist. Die nur unscharf angedeutete Unfallstelle erweckt den Eindruck, dass dem Kind etwas passiert sein muss, das so schlimm ist, dass es nicht gezeigt werden kann. So wird im Kopf des Betrachters ein Bild entworfen, das das Foto gar nicht zeigt und das mit starken Emotionen verbunden sein wird.

Emotionen

Das Beispiel mit dem Verkehrsunfall zeigt auch, dass Unschärfe ein Mittel ist, das meist im Zusammenspiel mit weiteren Gestaltungsmitteln Emotionen beim Betrachter wecken kann.

überwiegende Unschärfe
Die Unschärfe in dieser Aufnahme leitet die Aufmerksamkeit des Betrachters nicht nur gezielt auf die kleine gelbe Blüte, sondern verleiht der Aufnahme Atmosphäre, ohne die das Foto nicht wirken würde.

Schärfe ist ein Symbol für Sachlichkeit und deshalb auch nur begrenzt geeignet, so unsachliche Dinge wie Emotionen auszudrücken. Unschärfe führt den Betrachter hingegen von dieser Sachlichkeit weg und scheint dadurch auch eher dessen Emotionen anzusprechen. Dadurch dass im Unscharfen die Dinge nur angedeutet werden, wird die Fantasie des Betrachters angeregt, die Szene zu vervollständigen. Je nach Motiv können so Hoffnungen, Erwartungen, Befürchtungen oder Ängste geweckt werden, die die Grundlage für entsprechende Gefühlsregungen bilden.

In der Porträtfotografie war lange Zeit der Einsatz von Weichzeichnungsfiltern sehr beliebt, durch die nicht nur eventuelle Hautunreinheiten des Modells verdeckt, sondern insbesondere auch eine romantische und gelöste Atmosphäre vermittelt werden sollte. Überwiegende Unschärfe verleiht einem Foto einen fast traumartigen Charakter und spricht wohl deshalb mehr die Gefühle als den Verstand des Betrachters an.

Grafische Trennung

Unschärfe ist zudem gut geeignet, ein Objekt aus seiner Umgebung heraus zu lösen, damit es im Foto besser zu erkennen ist. Insbesondere wenn sich die Struktur des Objekts nicht wesentlich von seiner Umgebung unterschiedet, ist es nur schwer als einzelnes Objekt zu erkennen. Durch die Reduzierung der Schärfentiefe allein auf das Objekt, werden Vorder- und Hintergrund verwischt, so dass das scharf abgebildete Objekt an Eigenständigkeit gewinnt.

In der Porträtfotografie wird auf diese Weise z.B. das Modell vor einem unscharfen Hintergrund präsentiert, damit nichts die Aufmerksamkeit von dem Modell ablenkt. Anders muss man hingegen vorgehen, wenn ein situatives Porträt beabsichtigt ist, bei dem die Umgebung einen wesentlichen Beitrag zum Bild liefert.

Räumliche Tiefe

Vordergrund, Motiv und Hintergrund
Die Unschärfe hebt die räumliche Anordnung von Vordergrund, Motiv und Hintergrund hervor.

Unschärfe kann in einem Foto auch als Indikator für die räumliche Anordnung der Objekte genutzt werden. Auch ohne besondere Schulung wissen wir, dass unscharf abgebildete Objekte sich während der Aufnahme vor oder hinter dem fokussierten Objekt befunden haben. Verstärkt werden kann dieser Effekt durch eine perspektivische Anordnung der Objekte und/oder durch eine gezielte Farbgebung.

Bewegung

Eine besondere Bedeutung spielt die Bildschärfe bzw. Unschärfe bei der Darstellung von Bewegung in einem Foto. Dabei ist Unschärfe im Zusammenhang mit Bewegung kein Phänomen menschlicher Wahrnehmung. Weil das menschliche Auge keinen Verschluss hat, kann Bewegung nicht in einzelne Bilder aufgelöst werden. Bei langsamen Bewegungen können die Augen dem Objekt noch folgen, so dass es scharf wahrgenommen wird. Bei schnellen Bewegungen kommt es hingegen zu einer Art Flirren. Besonders deutlich wird dies, wenn Sie einen sich bewegenden Ventilator betrachten.

Ganz anders in der Fotografie. Ob ein sich bewegendes Objekt scharf im Foto abgebildet wird, hängt hier entscheidend von der Verschlusszeit ab. Ist sie kurz genug, wird das Objekt scharf abgebildet. Ist sie hingegen zu lang, kommt es zu Bewegungsunschärfe. Hieraus ergeben sich zwei Möglichkeiten, Bewegung in einem Foto darzustellen.

Einfrieren

Erst durch die Fotografie wurde es möglich, einen Bewegungsablauf in einzelne Momentaufnahmen aufzulösen, die Bewegung an einem beliebigen Punkt quasi anzuhalten und einzufrieren. Dies war Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts eine absolute Sensation. Insbesondere die Bewegungsfotografien von externer Link Eadweard Muybride führten zu einer völlig neuen Weltsicht in Kunst und Wissenschaft. So stellte sich z.B. heraus, dass die Bewegung von Pferden in der Malerei zuvor oftmals falsch dargestellt wurde.

Noch heute üben Fotos, in denen die Bewegung von Menschen oder Tieren durch eine sehr kurze Belichtungszeit eingefroren wurden, ein ganz besondere Faszination aus. Insbesondere in der Sportfotografie ist das Einfrieren von Bewegung das Stilmittel der ersten Wahl. Man denke nur an den Fußballspieler, der beim Fallrückzieher waagerecht über dem Boden schwebt, die Hürdenläuferin, die mit angespannten Muskeln über die Hürde springt, oder den Tennisspieler, der sich mit entsetztem Blick nach einem verlorenen Ball streckt.

Die Bewegung wird bei solchen Aufnahmen durch die ungewöhnliche Körperhaltung sichtbar. Würde sich der Körper nicht in Wirklichkeit bewegen, müsste er bei dieser Haltung senkrecht zu Boden plumpsen. Oftmals zeigt sich auch die Kraft und Anstrengung, die in die Bewegung investiert werden muss. Noch intensiver wird der Eindruck, wenn der Fotograf mit kurzen Brennweiten arbeitet und nah an das Geschehen herangeht.

Verwischen

Das Einfrieren von Bewegung kann aber auch dazu führen, dass die Bewegung im Foto gar nicht mehr zu erkennen ist. Wird z.B. die Bewegung eines Rennwagens eingefroren, ist nicht mehr zu erkennen, ob der Wagen stand oder mit Höchstgeschwindigkeit über die Zielgrade fuhr. In solchen Situationen kann der Fotograf die Bewegung mit Hilfe der Bewegungsunschärfe sichtbar machen.

verwischte Strömung
Das an einem Wehr aufgewühlte Wasser wurde bei einer Belichtungszeit von 0,3 Sek. nur noch verwischt aufgenommen.

Hierzu gibt es im Prinzip zwei Möglichkeiten. Die einfache Möglichkeit ist, bei einer Aufnahme mit längerer Belichtungszeit die Kamera absolut still zu halten (Stativ). Das sich bewegende Objekt wird auf der Aufnahme unscharf verwischt wiedergegeben, während die sich nicht bewegende Umgebung scharf abgebildet ist. Auf diese Weise kann gut die Geschwindigkeit des Objekts sichtbar gemacht werden. Je stärker das Objekt verwischt, umso höher muss die Geschwindigkeit des Objekts gewesen sein.

Das Objekt selbst ist im Foto meist nicht mehr zu erkennen. Dennoch bietet sich diese Methode z.B. in der Landschaftsfotografie an, um die durch den Wind verursachte Bewegung hervor zu heben.

Die zweite, etwas schwierigere Möglichkeit ist, die Kamera während der Aufnahme nicht still zu halten, sondern sie der Bewegung des Objekts exakt folgen zu lassen, um die Bewegung auszugleichen (sog. Mitziehen). Das Objekt wird vor der Aufnahme anvisiert und folgt dem Objekt auch während der Aufnahme. Das Ergebnis ist im Idealfall, dass das sich bewegende Objekt scharf aufgenommen wird, während die Umgebung aufgrund der Bewegungen der Kamera unscharf wird (Verwackelungsunschärfe). Auch hier ist der Grad der Unschärfe ein deutlicher Hinweis auf die Geschwindigkeit des Objekts.

Kombination

Bltz auf den 2. Vorhang
Hier wurde der Blitz auf den zweiten Vorhang ausgelöst, also am Ende der 0,6 Sek. langen Belichtung. Die Bewegungen des Hundes sind als rötliche Spuren sichtbar.

Mit Hilfe eines Blitzgeräts können Sie die Techniken des Einfrierens und Verwischens auch miteinander kombinieren. Hierzu müssen Sie mit einer längeren Belichtungszeit arbeiten, während derer zusätzlich ein Blitz ausgelöst wird (sog. Langzeitsynchronisation). Während der langen Belichtungszeit wird die Bewegung verwischt aufgenommen, zugleich wird aber während des kurzen Augenblicks, in dem der Blitz auslöst, die Bewegung eingefroren. Neben dem scharf abgebildeten Objekt entsteht so eine Bewegungsspur.

Ist das Blitzlicht auf den zweiten Verschlussvorhang synchronisiert, wird erst die Bewegungsspur aufgenommen und das Objekt am Ende der Belichtung eingefroren. Dieser Effekt ist ähnlich der Darstellung von Bewegung in Comics, bei der die Spur dem Objekt folgt. Bei einer Synchronisation auf den ersten Vorhang wird der Blitz zu Beginn der Belichtungs ausgelöst. Hierdurch entsteht ein genau umgekehrter Effekt, die Bewegungsspur scheint sich vom Objekt zu lösen.