3. Schatten

Die im vorausgegangenen Abschnitt beschriebenen Phänomene können in der Fotografie nicht genutzt werden, um den Eindruck räumlicher Tiefe zu erzeugen.  Das bedeutet jedoch nicht, dass in einem zweidimensionalen Foto nicht auch die Illusion der dritten Dimension erzeugt werden kann. Die Informationen über die räumliche Anordnung der Objekte müssen durch andere Quellen vermittelt werden.

Die wohl wichtigste Informationsquelle hierfür ist in der Fotografie der Schatten eines Objekts. Ohne dass wir uns dessen überhaupt bewusst werden, können wir aus dem Schatten eines Objekts sehr zuverlässige Rückschlüsse auf die Form des Objekts ziehen.

Licht und Schatten

Licht und Schatten sind nicht nur in der Fotografie untrennbar miteinander verbunden.

Licht & SchattenLicht breitet sich von der Quelle geradlinig in alle Richtungen aus. Man kann sich dies wie eine Vielzahl von einzelnen Lichtstahlen vorstellen, die sich in alle Richtungen fortbewegen. Trifft das Licht auf seinem Weg auf ein Hindernis, das es nicht durchdringen kann, kann es seinen Weg nicht weiter fortsetzen. Die der Lichtquelle zugewandte Seite des Hindernisses wird beleuchtet, während die abgewandte Seite und der Raum hinter dem Hindernis unbeleuchtet bleiben, das Hindernis wirft einen Schatten.

Schlagschatten

Wenn wir über Schatten reden, denken wir meist zuerst an den Schatten, den ein Objekt auf den Boden oder andere Objekte wirft, den sog. Schlagschatten.

SchlagschattenAus Form und Lage der Schlagschatten können wir weitere Informationen über die Lage der Objekte im Raum gewinnen. Der auf den Boden projizierte Schatten verläuft von dem Standpunkt des Objekts ausgehend in eine andere Richtung als das Objekt selbst. Dieser Verlauf lässt den Rückschluss zu, dass das Objekt auf dem Boden stehend nach oben gerichtet ist. In der simplen Grafik links vermitteln allein die neben den Balken liegenden grauen Flächen den Eindruck, vier blaue Säulen wären in einem Raum verteilt. Wenn Sie mit der Maus über die Grafik fahren, verschwinden diese Schatten und damit auch jeder Eindruck räumlicher Tiefe.

Schlagschatten 2Ein links oder rechts neben dem Objekt sichtbarer Schatten ist ein sicheres Indiz dafür, dass sich das Objekt auch in die Tiefe erstreckt. Nur ein sich auch nach hinten ausbreitender Körper kann das seitlich einfallende Licht abschirmen.

Befindet sich direkt hinter einem Objekt ein weiteres Objekt, wird der Schatten des ersten Objekts auf das zweite projiziert. Aufgrund des geänderten Projektionswinkels hat der Schatten auf dem zweiten Objekt eine andere Form als auf dem sich in die Tiefe ausbreitenden Boden. Auch solche Informationen werden von unserem Gehirn erkannt und entschlüsselt, ohne dass wir uns dessen wirklich bewusst werden.

Helligkeitsverlauf

KugelNeben dem Schlagschatten erzeugen Licht und Schatten aber auch oft auf dem Objekt selbst Helligkeitsverläufe, die weitere Rückschlüsse auf die räumliche Ausdehnung eines Objekts zulassen. Die der Lichtquelle zugewandte Seite des Objekts wird hell ausgeleuchtet - bei glänzenden Oberflächen entstehen hier oft Spitzlicher. Auf die von der Lichtquelle leicht abgewandten Seiten gelangt nicht so viel Licht, weshalb sie dunkler sind. Allein durch solche Helligkeitsverläufe kann der Eindruck räumlicher Tiefe erzeugt werden.

kegelDabei sind wir es gewohnt, dass Licht in der Regel von oben auf ein Objekt fällt. Diese generalisierte Annahme führt dazu, dass bei der nebenstehenden Grafik der Eindruck entsteht, links würde eine Halbkugel wie ein Bullauge nach vorne heraustreten, während rechts eine Vertiefung läge. Würde man jedoch unterstellen, dass das Licht von unten käme, wäre es genau andersherum.

Taschenuhr mit Schatten Taschenuhr ohne Schatten

Die gezeigten Effekte gelten natürlich nicht nur für Grafiken. Das nebenstehende Foto zeigt, wie stark auch in der Fotografie die räumliche Wahrnehmung von den Schatten beeinflusst wird.

Die Qualität der Schatten ist also nicht nur wichtig für die Wahl der richtigen Belichtungseinstellungen. Fast noch wichtiger ist ihre Bedeutung für die Gestaltung einer Aufnahme. Wie die Qualität der Schatten zu beurteilen ist, worin sich harte und weiche Schatten unterscheiden oder wie die Qualität beeinflusst werden kann, ist ausführlich im Kapitel "Licht - Schatten" beschrieben.

Erkennbarkeit der Schatten

Damit Schatten in einem Foto den Eindruck räumlicher Tiefe vermitteln können, müssen Sie im Bild auch als solche erkennbar sein. Wie Schatten in einem Foto wiedergegeben werden, hängt im Wesentlichen von drei Faktoren ab, der Richtung aus der das Motiv beleuchtet wird, der Größe der Lichtquelle im Verhältnis zum Motiv (hartes oder weiches Licht) und davon, ob die Schatten durch Reflexionen oder eine weitere Lichtquelle aufgehellt werden (Kontrast). Ausführlich ist dies im Kapitel "Licht - Schatten" beschrieben. Hier soll der Einfluss dieser Faktoren auf den Eindruck räumlicher Tiefe beschrieben werden.

Richtung

Beispiel 1
Beispiel 1: Punktlicht, ↔ 0°, ↕ 35°

Schatten fallen immer auf die der Lichtquelle abgewandten Seite eines Objekts. Wird ein Fotomotiv frontal aus der Richtung des Aufnahmestandpunkts ausgeleuchtet, sog. Frontallicht ("Sonne im Rücken"), fallen die Schatten nach hinten und werden vom Motiv zum Großteil verdeckt. Im Foto sind die Schatten kaum oder gar nicht zu erkennen und können deshalb auch keine Hinweise auf die räumliche Anordnung der Objekte geben. Eine frontale Beleuchtung wird deshalb auch als flache Ausleuchtung bezeichnet.

Ein solcher frontaler Beleuchtungsaufbau war in der Modefotografie eine Zeit lang modern, weil er fast jede Unebenheit im Gesicht des Modells verbarg. Heute erfüllt Photoshop diesen Zweck.

Erkennbar werden Schatten in einer Aufnahme, wenn sie rechts oder links neben ein Objekt fallen, das Motiv also seitlich ausgeleuchtet wird. Je näher die Lichtquelle dabei in einem rechten Winkel zum Motiv steht (links: ↔ ca. 90°, rechts: ↔ ca. 270°) umso ausgeprägter werden die Schatten, sog. Seitenlicht.

Beispiel 2
Beispiel 2: Punktlicht, ↔ 45°, ↕ 35°
Beispiel 3
Beispiel 3: Punktlicht, ↔ 90°, ↕ 35°

Dies gilt insbesondere für die auf dem Objekt entstehenden Helligkeitsverläufe. Bei Seitenlicht streift das Licht über die Oberfläche des Objekts, wodurch selbst kleinste Unebenheiten sichtbar werden. Seitenlicht eignet sich deshalb gut, um die Struktur einer Oberfläche sichtbar zu machen. Die Vergrößerungen aus dem ersten und dritten Beispielsfotos zeigen den Unterschied deutlich.

Auschnitt aus Beispiel 3
Beispiel 3a: Punktlicht, ↔ 90°, ↕ 35°
Ausschnitt aus Beispiel 1
Beispiel 1a: Punktlicht, ↔ 0°, ↕ 35°
Beispiel 4
Beispiel 4: Punktlicht, ↔135°, ↕ 35°

Noch dominanter werden Schatten, wenn das Motiv von hinten beleuchtet wird. Allerdings überlagern dabei die Schatten die Objekte quasi, weshalb sie kaum mehr Informationen über die räumliche Anordnung liefern. Besonders deutlich wird dies bei Gegenlicht (↔ ca. 180°) , bei dem das Objekt nur noch als dunkler Scherenschnitt sichtbar wird.

Beispiel 5
Beispiel 5: Punktlicht, ↔90°, ↕ 0°

Neben der horizontalen Ausrichtung entscheidet auch die Höhe der Lichtquelle darüber, wie ausgeprägt Schatten in einem Foto sichtbar sind. Befindet sich die Lichtquelle etwa auf einer Höhe mit dem Motiv oder nur knapp darüber, wirft ein Objekt lange Schlagschatten, die auf einer Aufnahme meist gut zu erkennen sind. Der Helligkeitsverlauf erstreckt sich über das gesamte Objekt und betont dadurch dessen räumliche Gestalt.

Beispiel 6
Beispiel 6: Punktlicht, ↔90°, ↕85°

Je höher die Lichtquelle jedoch steigt, umso kürzer werden die Schatten. Bei einer fast senkrecht auf das Motiv gerichteten Lichtquelle bilden sind Schatten nur noch unterhalb der Objekte. Das Objekt wird nur von oben beleuchtet und ist nach unten dunkel.

Solche Schatten bieten nur wenig Informationen über die räumliche Ausdehnung der Objekte. Hinzu kommt, dass z.B. in der Porträtfotografie solche Schatten nicht als besonders ästhetisch gelten. Viele Landschaftsfotografen behaupten sogar, dass man seine Kamera getrost einpacken könne, wenn die Sonne höher als 30° am Himmel stehe.

Größe der Lichtquelle

Eine im Verhältnis zum beleuchteten Objekt kleine Lichtquelle (sog. Punktlicht) erzeugt hartes, gerichtetes Licht, wodurch harte Schatten entstehen. Harte Schatten sind klar und scharf abgegrenzt wodurch die Umrisse des Objekts deutlich abgebildet werden. Die bisherigen Beispiele wurde alle mit einem Punktlicht ausgeleuchtet.

Beispiel 7
Beispiel 7: Flächenlicht, ↔ 90°, ↕ 35°

Eine im Verhältnis zum beleuchteten Objekt große Lichtquelle (sog. Flächenlicht) erzeugt weiches, diffuses Licht, wodurch weiche Schatten entstehen. Weiche Schatten haben keine klaren Ränder, sondern verlaufen an ihren Grenzen von dunkel zu hell. Dadurch verwischen die Umrisse des Objekts und sind oft nicht mehr zu erkennen.

Das nebenstehende Beispiel 7 wurde im selben Winkel ausgeleuchtet wie Beispiel 3, nur diesmal mit einem Flächenlicht. Wenn Sie mit der Maus über das Foto fahren, erscheint Beispiel 3 zum direkten Vergleich.

Bei der Ausleuchtung mit einem Flächenlicht lassen die Schlagschatten die Umrisse der Objekte nicht mehr erkennen. Insbesondere bei der Kerze ist deutlich zu erkennen, wie die Schatten bereits in einem geringen Abstand zum Objekt wieder verlaufen. Auch der Helligkeitsverlauf auf den Objekten selbst ist nicht ganz so hart, wie bei der Ausleuchtung mit einem Punktlicht. Dadurch sind die Schatten im Foto weniger dominant, liefern aber gleichzeitig auch weniger Informationen über die räumliche Ausdehnung der Objekte.

Beispiel 8
Beispiel 8: Flächenlicht, ↔ 0°, ↕ 35°

Wird ein Motiv mit einem Flächenlicht frontal ausgeleuchtet, werden die Schatten im Foto praktisch gar nicht mehr sichtbar (sog. schattenfreie Ausleuchtung).

Die Übergänge vom Punkt- zum Flächenlicht sind je nach Größe der Lichtquelle und des Motivs fließend (siehe: Licht- Schatten). Bei natürlichem Licht entscheiden in erster Linie die Wetterbedingungen über die Charakteristiken der Schatten. Direktes Sonnenlicht hat den Charakter von Punktlicht, während bei einem vollständig bedeckten Himmel das Licht den Charakter von Flächenlicht hat. Reißt die Wolkendecke auf, können Mischformen entstehen, die sowohl Eigenschaften von Punktlicht als auch von Flächenlicht vereinen. Sichtbar wird dies in den Schatten.

Aufhellung

Harte Schatten sind in einem Foto meist nicht allein wegen ihrer klaren Umrisse dominant, sondern vor allem wegen des hohen Helligkeitskontrasts zwischen Licht und Schatten. In geeigneten Fällen kann der Kontrast gemindert werden, indem durch eine zusätzliche Lichtquelle oder durch einen Reflektor die Schatten aufgehellt werden.

Eine solche Aufhellung der Schatten muss den Eindruck räumlicher Tiefe nicht zwangsläufig mindern. Wird durch die Aufhellung in den Schatten überhaupt erst Zeichnung erkennbar, kann dies den Eindruck räumlicher Tiefe sogar erhöhen, solange die Schatten als Schatten erkennbar bleiben.