4. Perspektivische Darstellung

Schatten geben also wichtige Hinweise auf die räumliche Anordnung der in einem Foto wiedergegebenen Objekte. Sie sind allerdings bei Weitem nicht die einzigen Informationsquellen.

Ohne dass wir uns dessen überhaupt bewusst werden, kann unser Gehirn aus der Abbildungsgröße eines Objekts, der Lage des Objekts im Foto und der Form des Objekts relativ zuverlässige Rückschlüsse auf die räumliche Ausdehnung des Objekts ziehen. Der so erzeugte Eindruck von räumlicher Tiefe wird oft unter dem Begriff "Perspektive" zusammengefasst. Perspektive im hier gebrauchten Sinne meint die Art, wie dreidimensionale Gegenstände in unterschiedlichen Aufnahmeabständen auf einem zweidimensionalen Foto abgebildet werden und dadurch einen Eindruck von Raum und Tiefe erzeugen.

Größenkonstanz

AbbildungsgrößeWenn wir ein Objekt sehen, wird ein Abbild des Objekts auf die Netzhaut im Auge projiziert. Je weiter ein Objekt von uns entfernt ist, umso kleiner ist das auf die Netzhaut projizierte Abbild, da der Sehwinkel mit zunehmendem Abstand immer kleiner wird.

Fast genauso ist es auch beim Fotografieren, nur dass hier das Abbild auf den Kamerasensor projiziert wird.

Die ungefähre Größe vieler Objekte ist uns geläufig, z.B. von Menschen, Bäumen oder Gebäuden. Ferner wissen wir, dass diese Objekte nicht kleiner werden, wenn wir uns von ihnen entfernen, auch wenn sich ihre Abbildungsgröße auf der Netzhaut bzw. im Foto mit zunehmendem Abstand verringert. Meist fällt uns dieser Größenunterschied nicht einmal auf (sog. Größenkonstanz). Unser Gehirn interpretiert die unterschiedlichen Abbildungsgrößen der Objekte so, dass groß abgebildete Objekte uns näher sind als kleiner abgebildete Objekte. Dadurch entsteht der Eindruck räumlicher Tiefe.

GrößenkonstanzIm nebenstehenden Beispiel ist die Abbildung der rechten Playmobil-Figur um etwa ein Drittel kleiner als die Abbildung der linken Figur. Wenn Sie Zweifel haben, fahren Sie mit der Maus über das Foto.

Aus Erfahrung wissen wir, dass die industriell gefertigten Figuren (fast) immer die gleiche Größe haben. Die Tatsache, dass eine Figur dennoch kleiner abgebildet wird, kann also nur bedeuten, dass sie während der Aufnahme einen größeren Abstand zur Kamera hatte.

TexturgardientBesonders nachhaltig ist dieser Effekt, wenn im Bild Objekte zu erkennen sind, deren ungefähre Größe allgemein bekannt sind. Beispielsweise in der Landschaftsfotografie ist dies aber nicht immer der Fall. Nimmt man in einem solchen Fall z.B. eine Person in seine Bildkomposition mit auf, kann diese als Maßstab dienen und so den imposanten Eindruck der Landschaft noch verstärken.

Der Effekt tritt aber auch dann auf, wenn uns die tatsächliche Größen der abgebildeten Objekte nicht bekannt sind, da unser Gehirn die Größe der abgebildeten Objekte miteinander vergleicht. Die Größe der im nebenstehenden Foto abgebildeten Kieselsteine ist uns nicht wirklich bekannt, da sie in allen Größen vorkommen können. Dennoch entsteht hier der Eindruck räumlicher Tief, da die Steine im Vordergrund vergleichsweise groß und gut erkennbar abgebildet sind; mit zunehmendem Abstand nimmt ihre Abbildungsgröße jedoch immer weiter ab, bis schließlich in weiter Ferne nur noch mehrere Steine zusammen als ein Muster (Textur) zu erkennen sind.

Entscheidend für den Eindruck räumlicher Tiefe ist also das Größenverhältnis der im Vordergund und der im Hintergrund abgebildeten Objekte. Wie groß dieses Verhältnis ist, hängt von der Entfernung der Objekte zum Aufnahmestandpunkt ab. Befindet sich z.B. ein Objekt in 3 m und ein gleich großes Objekt in 12 m Entfernung zum Aufnahmestandpunkt, so beträgt das Größenverhältnis des nahen Objekts zum entfernten 12:3, was einem Verhältnis von 4:1 entspricht. Das bedeutet, dass das 3 m entfernte Objekt viermal größer im Foto abgebildet ist als das 12 m entfernte.

Wird der Aufnahmestandpunkt um 7 m zurück verlegt, so befindet sich das nahe Objekt nun in 10 m Abstand (7 m + 3 m) und das entfernte Objekt in 19 m Abstand (7 m + 12 m). Das Größenverhältnis der Abbildungen der Objekte verändert sich dadurch zu 19:10 bzw. 1,9:1. Das bedeutet, dass das nahe Objekt im Foto nunmehr nicht ganz doppelt so groß abgebildet wird wie das entfernte.

Fußpunkt (Standpunkt, Auflagefläche)

Standpunkt 1Das obige Beispiel mit den Playmobil-Figuren zeigt auch, dass nicht allein die Abbildungsgröße eines Objekts den Eindruck räumlicher Tiefe erweckt. Im nebenstehenden Beispiel ist die linke Figur wieder um etwa ein Drittel kleiner als die rechte. Dennoch entsteht bei dieser Aufnahme nicht der Eindruck, als hätte die linke Figur während der Aufnahme weiter hinten gestanden.

Der entscheidende Unterschied zur obigen Aufnahme ist, dass die Fußpunkte (Standpunkte) beider Figuren in gleicher Höhe auf der Bildfläche liegen. Aus diesem Umstand können wir folgern, dass der Abstand zu beiden Figuren der gleiche ist, so dass die linke Figur tatsächlich kleiner sein muss als die rechte.

Standpunkt 2Verändert sich die Höhe des Fußpunkts einer Figur im Verhältnis zur anderen, so können wir daraus schlussfolgern, dass auch der Abstand der Figuren zum Aufnahmestandpunkt unterschiedlich ist. Gleichzeitig wird die Abbildungsgröße der in den Hintergrund tretenden rechten Figur im Verhältnis zur linken Figur kleiner.

Unsere Augen befinden sich in aller Regel etwas oberhalb der Erdoberfläche. Bei normaler Kopfhaltung befindet sich der Horizont etwa in der Mitte des Sehfelds. Die meisten Objekte stehen auf der Erdoberfläche und verteilen sich bis zum Horizont, der am weitesten von uns entfernt ist. Das führt dazu, dass der Fußpunkt naher Objekte im Sichtfeld unten ist. Je weiter ein Objekt von uns entfernt ist, je weiter es also in Richtung Horizont rückt, umso höher ist sein Fußpunkt im Sehfeld.

Genauso ist es auch beim Fotografieren, nur dass man hier nicht vom Sehfeld, sondern von der Bildfläche spricht. Je weiter unten der Fußpunkt eines Objekts auf der Bildfläche abgebildet ist, umso näher befand sich das Objekt am Aufnahmestandpunkt. Je höher der Fußpunkt auf der Bildfläche in Richtung Horizont rückt, umso weiter entfernt befand sich das Objekt.

Fußpunkt

Genau umgekehrt ist es bei Objekten, die nicht auf dem Boden stehen, sondern sich über dem Horizont befinden, z.B. Wolken, Vögel, hängende Lampen. Ihr Fußpunkt befindet sich bereits oberhalb des Horizonts. Je weiter sich der Fußpunkt dieser Objekte vom Horizont entfernt, je weiter er also nach oben rückt, umso geringer scheint der Abstand zum Aufnahmestandpunkt zu werden.

hoher HorizontDer Horizont hat also auch für die Beurteilung der räumlichen Tiefe eine wichtige Bedeutung. In vielen Fotobüchern und vor allem in Internetforen liest man immer wieder, dass es eine fotografische Todsünde sei, den Horizont bei einerAufnahme in die Bildmitte zu legen; durch ein leichtes Kippen der Kamera könne der Horizont nach oben oder unten verschoben werden, was zu viel besserenErgebnissen führen würde. Ich will diese These, insbesondere ihren Absolutheitsanspruch, hier nicht weiter kommentieren. Nützlich ist es aber zu sehen, welche Auswirkungen die Verschiebung des Horizonts auf die räumliche Wahrnehmung hat.

Wird der Horizont von der Bildmitte nach oben verschoben, vergrößert sich die Fläche zwischen Horizont und unterem Bildrand. Hierdurch entsteht mehr Platz, um die auf der Erdoberfläche stehenden Objekte im Foto anzuordnen. Zudem werden die nahen Objekte am unteren Bildrand größer abgebildet, da sie noch näher am Aufnahmestandpunkt sind. Der Vordergrund wird dadurch aufgewertet. Die weiter entfernt liegenden Objekte werden im Verhältnis kleiner abgebildet, weshalb sie noch weiter entfernt scheinen.

niedriger HorizontWird der Horizont hingegen nach oben verschoben, verkleinert sich die Fläche zwischen Horizont und unterem Bildrand und der Himmel dominiert. Es steht weniger Platz zur Verfügung, Objekte auf der Erdoberfläche im Bild anzuordnen. Mehr Platz hat hingegen der Himmel, wo es jedoch oft an Objekten mangelt, die angeordnet werden könnten. Ist der Himmel einheitlich grau oder auch wolkenlos blau, fehlen Anhaltspunkte für die Beurteilung der räumlichen Tiefe und das Bild wirkt flach. Ist im Himmel jedoch ausreichend Struktur vorhanden, kann auch er den Eindruck räumlicher Tiefe erzeugen.

Formkonstanz

WürfelWenn sich die Größe und der Fußpunkt der Abbildung eines Objekts je nach Entfernung zum Aufnahmestandpunkt verändern, ist es nicht verwunderlich, dass sich auch die Form der Abbildung ändert, wenn sich ein Objekt in die Tiefe erstreckt. In der nebenstehenden Grafik glauben wir in der roten Fläche die quadratische Seite eines Würfels wieder zu erkennen. Tatsächlich ist die Fläche jedoch alles andere als quadratisch, sie ist eine Raute.

Solche Veränderungen der Form eines Gegenstandes nehmen wird meist gar nicht wahr (Formkonstanz). In dem folgenden Foto sehen wir zwei kreisrunde Münzen. Tatsächlich ist aber nur die linke Münze kreisrund abgebildet, die Abbildung der rechten Münze hat die Form einer Ellipse.

Münzen

Form der Münzen

Die Verformung der Abbildung wird von unserem Gehirn zur Interpretation der räumlichen Ausdehnung des Objekts verwendet. Weicht die Form der Abbildung eines Objekts von der uns bekannten Form des Objekts ab, so ziehen wird daraus den Schluss, dass sich das Objekt in den Raum erstrecken muss. Es entsteht der Eindruck räumlicher Tiefe.

ZentralperspektiveNicht jede Verformung erweckt jedoch den Eindruck räumlicher Tiefe. Wie bereits gesehen, wird die Abbildungsgröße eines Objekts mit zunehmender Entfernung kleiner. Gleichzeitig rückt der Fußpunkt des Objekts immer weiter in Richtung Horizont. Um bei einem sich in die Tiefe erstreckenen Objekt den Eindruck räumlicher Tiefe zu erwecken, muss deshalb das Abbild so verzerrt werden, dass die weiter entfernten Teile eines Objekts kleiner erscheinen als die nahen. Gleichzeitig verschiebt sich auch der Fußpunkt bei Objekten unterhalb des Horizonts mit zunehmender Entfernung nach oben und bei Objekten oberhalb des Horizonts nach unten. Das hat zur Folge, dass tatsächlich parallel verlaufende Linien, z.B. die Kanten des Objekts, in einem Foto einander mit zunehmender Entfernung annähern und in einem weit entfernten Punkt (sog. Fluchtpunkt) zusammellaufen (konvergieren). Aus der Malerei stammt für diese Form der Darstellung der Begriff "Zentralperspektive".

Zentralperspektive Die verzerrte Darstellung der Objekte hat zur Folge, dass tatsächlich eine in die Tiefe laufende Linie in einem Foto als Diagonale dargestellt wird. Solche Diagonalen haben einen starken Einfluss auf die Wahrnehmung räumlicher Tiefe.

Nicht immer muss die Diagonale als eine reale Linie im Foto erkennbar sein, wie z.B. der Straßenrand im nebenstehenden Beispiel. Auch optische Linien, wie sie im Beispiel auf der Grenze zwischen Bäumen und Himmel entstehen, können einen räumlichen Eindruck hervorrufen.

Wie stark die so entstehenden Diagonalen konvergieren, wird wiederum vom Blickwinkel auf die Fläche beeinflusst, die die Linien enthält. Bei einem flachen Bickwinkel, wie er z.B. durch einen niedrigen Kamerastandpunkt (Froschperspektive) im Verhältnis zur Erdoberfläche erreicht wird, laufen die Diagonalen in einem weiten Winkel aufeinander zu, wodurch der Perspektiveneffekt meist verstärkt wird. Ist der Bickwinkel jedoch sehr flach, sind die Diagonalen im Bild nur noch schwer zu erkennen. Ein steiler Bickwinkel, wie er z.B. durch einen hohen Kamerastandpunkt (Vogelperspektive) im Verhältnis zur Erdoberfläche erreicht wird, lässt die Diagonalen in einem spitzeren Winkel aufeinander zulaufen, wodurch der Perspektiveneffekt abnimmt.

  • sehr flach
    sehr flacher Betrachtungs-winkel
  • flach
    flacher Betrachtungswinkel (z.B. Froschperspektive)
  • normal
    normaler Betrachtungswinkel
  • steil
    steiler Betrachtungswinkel (z.B. Vogelperspektive)

Das obige Foto der Straße zeigt, dass in einem Bild die Diagonalen ganz unterschiedlich konvergieren können, wenn die Kamera während der Aufnahme gekippt wird. Das Foto wurde von einem vergleichsweise niedrigen Standpunkt (ca. 1 m) aufgenommen, wobei die Kamera leicht nach oben gekippt wurde. Dies führte dazu, dass zur Erdoberfläche ein flacher Blickwinkel entstand und die Straßenränder deutlich konvergieren. Im Verhältnis zur Ebene der Baumkronen entstand jedoch ein eher steiler Blickwinkel, weshalb die optischen Linien zwischen Bäumen und Himmel deutlich schwächer konvergieren. Wenn Sie mit der Maus über das Foto fahren, werden die Linien eingeblendet.

Leider konvergieren nicht nur die in die Tiefe laufenden Linien, wenn die Kamera während der Aufnahme gekippt wird. Auch senkrechte Linien, z.B. an Gebäuden, konvergieren in der Ferne wenn die Kamera während der Aufnahme nicht absolut gerade gehalten wird, der Blickwinkel auf die Linie also nicht absolut sinkrecht (90°) ist. Solche in die Höhe konvergierenden Linien werden als stürzende Linien bezeichnet.