6. Farbe & Schärfe

Schatten und perspektivische Darstellung sind sicherlich die beiden mächtigsten Gestaltungsmittel, um in der Fotografie den Eindruck räumlicher Tiefe zu erzeugen. Es gibt aber noch eine Reihe weiterer Gestaltungsmittel, die einen räumlichen Eindruck erzeugen oder verstärken. Wie gut bzw. weniger gut ein Objekt in einem Bild zu erkennen ist sowie seine Farbe, kann unter bestimmten Voraussetzungen ebenfalls ein Indiz für dessen Lage im Raum sein.

Bereits im Abschnitt "Perspektive" hatten wir gesehen, dass die Abbildungsgröße eines Objekts mit zunehmender Entfernung soweit abnehmen kann, dass es nicht mehr als einzelnes Objekt, sondern nur noch mit anderen Objekten zusammen als Textur erkennbar ist. Dies war bereits ein erstes Beispiel dafür, dass auch die Erkennbarkeit eines Objekts räumliche Informationen vermitteln kann.

Atmosphärische Perspektive

atmosphärische Perspektive
Neben der atmosphärischen Perspektive erzeugt hier auch die perspektive Dastellung des Pfads den räumlichen Eindruck.

Klare ungetrübte Fernsicht ist auch an schönen Tagen eher die Ausnahme. Meist wird mit zunehmender Entfernung die Sicht durch Dunst, Nebel, Regen oder auch Luftverschmutzung beeinträchtigt. Ein solcher Dunst wirkt fast wie ein Weichzeichner. Die Konturen der Objekte verwischen und gleichzeitig nehmen Kontrast und Farbsättigung deutlich ab. Je stärker die Konturen eines Objekts verwischen, umso weiter muss es entfernt sein.

Darüber hinaus wird die Landschaft zunehmend Blau eingefärbt. Diese Verfärbung beruht darauf, dass die Wasserpartikel in der Luft das langwellige rote Licht stärker absorbieren als das kurzwellige blaue Licht. Dadurch erhalten weiter entfernte Landschaften eine kühle blaue Färbung.

Diese Effekte sind auch auf einem Foto erkennbar und werden als atmosphärische Perspektive bezeichnet. Atmosphärische Perspektive kann in der digitalen Nachbearbeitung einer Aufnahme noch verstärkt werden, indem die Blaufärbung der entfernten Landschaft verstärkt und dem Vordergrund eine wärmere Farbstimmung gegeben wird.

Farben

Die atmosphärische Perspektive zeigt, dass auch Farben die Wahrnehmung räumlicher Tiefe beeinflussen. Unsere regelmäßigen Seherfahrungen zeigen, dass weit entfernte Objekte bläulich erscheinen. Verallgemeinert wird daraus die Regel, dass kalte (bläuliche) Farben Ferne und Distanz symbolisieren.

rotes Boot vor blauem MeerDemgegenüber sind rote kräftige Farben wohl bereits genetisch als Signalfarben festgelegt, die die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Verallgemeinert wird daraus die Regel, dass warme (rötliche) Farben Nähe symbolisieren.

Ob allein durch Farben ein räumlicher Eindruck erzielt werden kann, mag zweifelhaft sein. Unbestreitbar ist hingegen, dass Farben die räumliche Wirkung verstärken können. Die Platzierung warmfarbiger Objekte vor einem kaltfarbigen Hintergrund ist eine zusätzliche Unterstützung der Nah- und Fernwirkung und erhöht damit die räumliche Wirkung.

Bildschärfe

Durch die atmosphärische Perspektive sind wir zudem daran gewöhnt, dass mit zunehmender Entfernung die Bildschärfe abnimmt, da Dunst oder Luftverschmutzung wie ein Weichzeichner wirken. Der Fotograf kann diesen Effekt auch erzielen, indem er die Schärfentiefe bewusst begrenzt.

unscharfer HintergurndIn der Porträtfotografie wird beispielsweise eine geringe Schärfentiefe genutzt, um das Modell deutlich vom Hintergrund abzusetzen (siehe nächsten Abschnitt: Figur und Grund). Auch in der Landschaftsfotografie kann der räumliche Eindruck dadurch verstärkt werden, dass die weit entfernten Objekte nicht mehr absolut scharf wiedergegeben werden. Dies erreichen Sie, indem sie den Fokus während der Aufnahme nicht auf Unendlich (∞) einstellen, sondern stattdessen auf eine Entfernung, bei der die entfernten Objekte unter Berücksichtigung der verwendeten Blende auf der Grenze des Schärfentiefebereichs liegen.

SchärfentiefeAuch auf kurze Entfernung kann die bewusste Begrenzung der Schärfentiefe den räumlichen Eindruck beeinflussen. Zwar entspricht dies nicht ganz unseren Seherfahrungen, dennoch wird Unschärfe als Symbol räumlicher Ausdehnung erkannt. Das bildwichtige Objekt liegt scharf abgebildet im Bereich der Schärfentiefe. Unschärfe unterhalb des Objekts wird als Vordergrund und Unschärfe oberhalb des Objekts als Tiefe interpretiert.