7. Ebenen

Auf den vorausgehenden Seiten wurden einige Gestaltungsmittel vorgestellt, die den Eindruck vermitteln sollen, Objekte stünden gestaffelt in die Tiefe verteilt. Wiederholt habe ich dabei die Ausdrücke Vorder- und Hintergrund genutzt, ohne diese Begriffe näher zu erläutern. Tatsächlich bedürfen diese Begriffe wohl auch keiner Erklärung, ab wir ihre Bedeutung tagtäglich sehen können.

Für die Bildgestaltung ist es jedoch sinnvoll, sich dieser ganz alltäglichen Seherfahrungen noch einmal bewusst zu werden. Dies will ich hier zum Abschluss nachholen, um dadurch nachvollziehbar zu machen, wie die Staffelung eines Fotos in verschiedene Ebenen den räumlichen Eindruck verstärken kann.

Figur und Grund

Ausgangspunkt der Überlegungen ist das Prinzip von Form und Grund (Positiv-Negativ-Form). Dieses Prinzip vermittelt zwar noch keinen Eindruck der räumlichen Tiefe, es ist jedoch die Basis für das Verständnis der weiteren Ausführungen.

Figur & GrundDie nebenstehende Grafik zeigt vier Teilflächen (1 bis 4). Obwohl alle vier Flächen weiß sind und gleichartig durch schwarze Linien gebildet wurden, werden sie unterschiedlich wahrgenommen. Die Flächen 1 bis 3 werden als Figuren (Positivform) wahrgenommen, während Fläche 4 den Grund (Negativform) bildet. Je nach Betrachtungsweise könnten die Fläche 1 bis 3 auf der Fläche 4 aufliegen oder als Löcher in diese gestanzt worden sein. Die Flächen 1 bis 3 bilden deutlich erkennbare geometrische Figuren (Raute, Achteck und Dreieck). Fläche 4 ist hingegen formlos; zwar bilden die Außenkanten ein Quadrat, diese Fläche wird jedoch durch die Innenkanten zu den Flächen 1 bis 3 wieder aufgelöst.

hoher Figur-Grund-Kontrastgeringer Form-Grund-KontrastDie Wahrnehmung von Figur und Grund wird von verschiedenen Faktoren beeinflusst, auf die hier nicht im Einzelnen eingegangen werden soll. Ganz allgemein kann man jedoch sagen, dass sich Figur und Grund hinreichend voneinander unterscheiden müssen, um als solche wahrgenommen zu werden (sog. Positiv-Negativ-Kontrast). Zudem muss die Figur selbst auch als solche erkennbar sein, um sich vom Grund abzuheben.

Im linken Foto zeichnet sich der Baum deutlich vor dem bewölkten Himmel ab und ist auch nach seiner Form eindeutig als Baum zu erkennen. Im rechten Foto ist der Kontrast zwischen den grün bemoosten Ästen des Baumes und dem herbstlich verfärbten Hintergrund zwar gegeben; die krummen Äste bilden jedoch nicht die typische Gestalt eines Baumes, wodurch die Erkennbarkeit der Figur deutlich erschwert wird.

Überschneidung

ÜberlagerungEin ganz verblüffender Eindruck räumlicher Tiefe kann entstehen, wenn sich mehrere Figuren teilweise überschneiden. In der nebenstehenden Grafik erkennt wohl jeder sofort zwei Quadrate und einen Kreis und niemand wird wohl daran zweifeln, dass sich das gelbe Quadrat vor dem roten Kreis und sich beide vor dem blauen Quadrat befinden. Verblüffend ist dieser räumliche Eindruck deshalb, weil die Grafik diese Informationen gar nicht liefert. Der Eindruck der räumlichen Anordnung entsteht erst dadurch, dass unser Gehirn ganz unbewusst den Bildinformationen weitere Vermutungen hinzufügt.

tatsächliche FigurenTatsächlich zeigt die obige Grafik die nebenstehenden Figuren. Diese Figuren sind jedoch so ungewohnt, dass wir sie in der Grafik auf den ersten Blick nicht erkennen können. Aufgrund der Anordnung ist es viel naheliegender, den roten Dreiviertelkreis zu einem ganzen Kreis und den blauen Winkel zu einem vollständigen Quadrat zu ergänzen (sog. Prinzip der guten Gestalt). Die so ergänzten Figuren müssen zwangsläufig räumlich hintereinander liegen. Der räumliche Eindruck entsteht also erst durch die Kreation unseres Gehirns.

MosaikVoraussetzung für diesen Effekt ist natürlich wieder, dass sich die Figuren hinreichend deutlich voneinander (von ihrem jeweiligen Grund) unterscheiden. Darüber hinaus müssen die Figuren aber auch so angeordnet werden, dass eine Überschneidung erkennbar wird. Das bedeutet nicht nur, dass sich die Figuren teilweise überlappen müssen. Wenn die Figuren so angeordnet sind, dass auch ohne räumliche Tiefe ein plausibles Bild erkennbar ist, tritt der räumliche Eindruck nicht auf. In der nebenstehenden Grafik sind wieder ein Kreis und zwei Quadrate zu erkennen, die sich überlappen. Dennoch wird kein räumlicher Eindruck erweckt, da es sich bei dem Gebilde auch um ein zweidimensionales Mosaik handeln könnte.

SchlossUnter den gleichen Voraussetzungen kann auch in der Fotografie die Überschneidung von Objekten genutzt werden, um den Eindruck räumlicher Tiefe zu erzeugen oder zu verstärken. Im nebenstehenden Beispiel wird der räumliche Eindruck in erster Linie durch die perspektivische Darstellung der Brücke und das Größenverhältnis zwischen den Blättern der Wasserpflanze im Vordergrund sowie der Schlossfassade erzeugt. Gleichzeitig verdeckt die Brücke aber auch einen Teil der Schlossfassade rechts und unterstützt zusätzlich den räumlichen Eindruck.

BrunnenDoch auch in der Fotografie gilt, dass die Überschneidung deutlich als solche erkennbar sein muss. Im nächsten Beispiel verdeckt der Brunnen wiederum einen Teil der hinter ihm liegenden Hausfassade. Dennoch drängt sich bei diesem Foto der räumliche Eindruck nicht wirklich auf. Dazu unterscheiden sich die Säule des Brunnens und die Hausfassade zu wenig, so dass der Brunnen nicht deutlich genug als Figur hervortritt. Betrachtet man allein den mittleren Teil des Fotos, könnte der Brunnen auch Teil der Fassade sein. Die Überschneidung erzeugt hier keinen räumlichen Eindruck, sondern ist im Gegenteil störend. Eine andere Beleuchtung sowie eine geänderte Aufnahmeposition und Brennweite hätten hier sicherlich mehr aus dem Motiv machen können.

Rahmen

FensterEin besonderer Fall der Überschneidung sind sog. Rahmen. Damit sind nicht die mit Hilfe eines Bildbearbeitungsprogrammes mehr oder minder kunstvoll um ein Foto gelegte Umrandungen gemeint. Rahmen im hier gemeinten Sinn sind reale Objekte, die um das eigentliche Motiv herum angelegt sind. Dies können ganz plakativ Fenster, Türen oder andere Öffnungen sein, durch die hindurch fotografiert werden kann. Entscheidend ist, dass diese Objekte selbst Teil des Bildes sind.

Solche Rahmen verstärken durch die Erfahrungssatz, "drinnen gleich nah und draußen gleich fern", den räumlichen Eindruck. Darüber hinaus bietet ein Rahmen meist deutliche Anhaltspunkte für die Beurteilung des Größenverhältnisses naher und entfernter Objekte, wodurch der perspektivische Eindruck verstärkt wird.

Baum als RahmenEin Rahmen im hier gemeinten Sinn muss das Motiv nicht vollständig umschließen. Den gleichen Effekt erzielen Objekte, die das Motiv am oberen Bildrand überragen und zu einer Bildseite begrenzen. In der Landschaftsfotografie bieten sich häufig Bäume als Rahmen an.

Im nebenstehenden Beispiel bilden die Äste am oberen Bildrand und der Baumstamm am linken Bildrand den Rahmen. Durch diesen Rahmen hindurch öffnet sich der Blick auf das eigentliche Motiv, die herbstliche Hügellandschaft. Der perspektivische Eindruck wird hier durch die Größenverhältnisse des Baumes im Vordergrund zu dem Baum bei den Kühen und den Hügeln im Hintergrund erzeugt.

Vorder-, Mittel- und Hintergrund

Überlagerungen und Rahmen sind zugleich auch Beispiele für eine bewusste Gestaltung verschiedener Bildebenen, die sich in die Tiefe erstrecken. Die obige Grafik der Überlagerung zeigt, wie durch die Anordnung von Objekten mehrere Ebenen im Bild erzeugt werden. Das gelbe Quadrat bildet vorne die erste Ebene, der rote Kreis bildet dahinter die zweite Ebene und hinter beiden Ebenen bildet das blaue Quadrat die letzte Ebene.

Vorder-, Mittel- & HintergrundIn der Bildgestaltung werden diese Ebenen meist als Vorder-, Mittel- und Hintergrund bezeichnet. Diese Begriffe haben sich durchgesetzt, auch wenn sie aus meiner Sicht nicht ganz treffend sind. Denn ein Bild muss nicht zwangsläufig drei Ebenen enthalten. Ein flaches (grafisches) Bild hat regelmäßig nur eine oder zwei Ebenen (Figur und Grund). Ein Bild mit Tiefenwirkung kann sogar mehr als drei Ebenen enthalten (Beispiel unten). Einige sprechen in solchen Fällen vom vorderen und hinteren Mittelgrund. Da der Mittelgrund auch nicht zwangsläufig in der Bildmitte liegt, wären die Bezeichnungen Zwischengrund bzw. Zwischengründe treffender, sind aber unüblich.

In vielen Fotolehrbüchern, insbesondere zur Landschaftsfotografie, liest man immer wieder den Hinweis, dass eine bewusste Gestaltung von Vorder-, Mittel- und Hintergrund den räumlichen Eindruck verstärken könne. Wie diese Gestaltung jedoch aussehen müsste, wird oft nur sehr vage angedeutet. Einige Hinweise ergeben sich jedoch aus den bisherigen Ausführungen.

1. Damit Vorder-, Mittel- und Hintergrund einen räumlichen Eindruck erzielen können, müssen sie sich erkennbar voneinander unterscheiden, um überhaupt als unterschiedliche Ebenen erkannt zu werden (siehe: Figur und Grund; Überschneidung). Die Trennung der Ebenen kann durch Farbe, Struktur, Beleuchtung, (optische) Linien, Bildschärfe oder auch Inhalte erfolgen.

2. Da sich die Ebenen in die Tiefe staffeln, müssen sie auch auf der Bildfläche entsprechend angeordnet sein. Je weiter entfernt die Ebene ist, umso mehr muss sie sich der Horizontlinie annähern (siehe: Fußpunkt). Der Vordergrund befindet sich mithin am unteren Bildrand (auf der Erde) oder am oberen Bildrand (im Himmel). Der Mittelgrund rückt von dort aus in Richtung Horizont, während der Hintergrund an der Horizontlinie liegt.

3. Wenn – was nicht unbedingt zwingend aber vorteilhaft ist – in den einzelnen Ebenen jeweils Bildelemente (Objekte) liegen, sollte deren Abbildungsgröße mit zunehmender Entfernung porportional abnehmen, die Elemente aber dennoch erkennbar bleiben (siehe: Größenkonstanz). Um dies zu erreichen, müssen der Aufnahmestandpunkt und die Brennweite sorgfältig gewählt werden (siehe: Brennweite).

4. Besonders deutlich wird die Tiefenwirkung, wenn im Vordergrund ein Objekt erkennbar ist, das als Ausgangspunkt für die Beurteilung der Größenverhältnisse im Bild dient, und in einer der anderen Ebene ein weiteres (Referenz-) Objekt liegt. Gleichzeitig erhält der Vordergrund hierdurch ein zusätzliches Gewicht und ist nicht bloß die leere Fläche vor dem Motiv.

5. Wird der Horizont durch leichtes Kippen der Kamera während der Aufnahme aus der Bildmitte nach oben oder unten verschoben, vergrößert bzw. verkleinert sich die Bildfläche zwischen Horizont und Bildrand, auf der die einzelnen Ebenen angeordnet sind. Durch die Verkleinerung der Fläche müssen die Ebenen enger zusammenrücken, wodurch ihre Erkennbarkeit erschwert wird. Durch eine Vergrößerung der Fläche können die Ebenen leichter voneinander differenziert werden.

6. Eine Betonung des Vordergrunds erhöht in der Regel die räumliche Wirkung. Betont wird der Vordergrund durch ein leichtes Kippen der Kamera während der Aufnahme, einem kurzen Aufnahmeabstand und die Verwendung einer kurzen Brennweite. Bei Verwendung einer kurzen Brennweite muss jedoch darauf geachtet werden, dass entfernte Objekte noch hinreichend groß im Bild wiedergegeben werden.