5. Brennweite

In vielen Fotolehrbüchern findet sich der Hinweis, dass auch die Wahl der Brennweite Einfluss auf die Wahrnehmung räumlicher Tiefe habe. Ein Weitwinkelobjektiv würde die Entfernung zwischen den verschiedenen Bildebenen verstärken und auseinander ziehen, wodurch der Eindruck räumlicher Tiefe erhöht werde. Ein Teleobjektiv würde hingegen die Ebenen komprimieren, weshalb die Bilder flacher wirken würden.

Wenn Sie im Internet die Begriffe "Brennweite" und "Perspektive" googeln, stoßen Sie schnell auf Webseiten, die diese Thesen als Unsinn abtun und nachdrücklich behaupten, die Brennweite habe keinen Einfluss auf die Perspektive. Durch die Veränderung der Brennweite werde lediglich der Bildausschnitt geändert, ohne dass sich die Anordnung der Objekte ändere.

Beide Ansichten scheinen sich gegenseitig auszuschließen, so dass sich der Laie fragt, wer denn nun Recht hat. Auf den ersten Blick fällt bereits auf, dass beide Lager unterschiedliche Begriffe verwenden. Die einen sprechen vom "Eindruck räumlicher Tiefe", die anderen von "Perspektive". Beide Begriffe beschreiben zwar ganz ähnliche Inhalte, meinen aber dennoch nicht dasselbe. Es lohnt sich also, das Problem ein wenig genauer zu betrachten.

Bildwinkel

BildwinkelDie Brennweite eines Objektivs beschreibt durch Angabe des Abstands der Linsen zum Brennpunkt, welcher Ausschnitt einer Szene auf den Kamerasensor projiziert wird. Je länger die Brennweite ist, umso kleiner wird der auf den Sensor projizierte Ausschnitt, da der Bildwinkel immer kleiner wird (siehe: Objektiv - Kameraobjektiv).

Neben der Brennweite bestimmt auch die Größe des Kamerasensors den Bildwinkel. Je kleiner der Sensor ist, umso geringer ist die Brennweite bei gleichem Bildwinkel. Deshalb wird für Kameras mit kleineren Sensoren neben der tatsächlichen Brennweite des Objektivs auch die für einen Sensor im Kleinbildformat hochgerechnete Brennweite angegeben oder ein Faktor, mit dem sich die dem Kleinbildformat entsprechende Brennweite errechnen läßt (Einzelheiten siehe: Objektiv - Kameraobjektiv). Die Brennweitenangaben auf dieser Seite sind alle für das Kleinbildformat (KB) angegeben.

Eine längere Brennweite führt zu einem kleineren Bildwinkel. Das bedeutet, dass auf den Sensor ein kleinerer Ausschnitt der Szene projiziert wird. Im folgenden Beispiel blieb der Standpunkt der Kamera unverändert auf einem Stativ. Die erste Aufnahme erfolgte mit einem 28-mm-Weitwinkelobjektiv, welches einen Bildwinkel von ca. 74° abbildet. Die zweite Aufnahme erfolgte mit einem 90-mm-Teleobjektiv, welches einen Bildwinkel von ca. 27° abbildet.

  • 28 mm
    Brennweite (KB): 28 mm
    Bildwinkel: 74°
  • 90 mm
    Brennweite (KB): 90 mm
    Bildwinkel: 27°

Das mit dem Teleobjektiv aufgenomme Foto zeigt einen Ausschnitt der Weitwinkelaufnahme. Da selbstverständlich auch bei der Teleaufnahme der gesamte Kamerasensor belichtet wurde, werden die Bilddetails größer (formatfüllend) wiedergegenden als im entsprechenden Ausschnitt der Weitwinkelaufnahme. Hierdurch entsteht der Eindruck, als befänden sich die Objekte deutlich näher am Aufnahmestandpunkt als bei der Weitwinkelaufnahme; sie wurden "herangezoomt".

  • 24 mm
  • 90 mm

Im vorausgehenden Abschnitt haben wir jedoch gesehen, dass für den Eindruck räumlicher Tiefe nicht die Größe eines einzelnen Objekts, sondern das Größenverhältnis zwischen nahen und entfernteren Objekten entscheidend ist. Wie groß dieses Verhältnis ist, hängt von der jeweiligen Distanz der Objekte zum Aufnahmestandpunkt ab.

Da sowohl die Weitwinkelaufnahme als auch die Teleaufnahme vom gleichen Standpunkt aus aufgenommen wurden, haben sich die Distanzen zu den abgebildeten Objekten zwischen den Aufnahmen nicht verändert. Deshalb müsste das Größenverhältnis in beiden Aufnahmen gleich sein.

  • 24 mm
  • 90 mm

Und tatsächlich: Wird der Ausschnitt aus der Weitwinkelaufnahme auf das Format der Teleaufnahme vergrößert, sind zwischen den Aufnahmen praktisch keine Unterschiede mehr zu erkennen. Geringfügige Abweichungen können auf die unterschiedlichen Abbildungsleistungen der Objektive zurückgeführt werden. Entscheidend ist jedoch, dass trotz unterschiedlicher Brennweiten das Größenverhältnis der abgebildeten Objekte absolut identisch ist.

Aufnahmeabstand

Aus diesem Befund könnte der Schluss gezogen werden, die Brennweite habe keinen Einfluss auf die Perspektive. Die folgenden Aufnahmen zeigen jedoch, dass dieser Rückschluss etwas vorschnell wäre. Die Fotos wurden mit unterschiedlichen Brennweiten (24, 50 und 105 mm) aufgenommen, wobei versucht wurde, das Motiv möglichst formatfüllend abzulichten. Betonkopf und Mütze wurden zwischen den Aufnahmen nicht verändert.

  • 24 mm
    Brennweite (KB): 24 mm
    Bildwinkel: 84°
    Aufnahmeabstand: 0,3 m
  • 50 mm
    Brennweite (KB): 50 mm
    Bildwinkel: 46°
    Aufnahmeabstand: 0,7 m
  • 105 mm
    Brennweite (KB): 105 mm
    Bildwinkel: 23°
    Aufnahmeabstand: 1,3 m

Die Unterschiede sind deutlich zu erkennen. Mit zunehmender Brennweite wird die Aufnahme immer flacher. Während bei der Weitwinkelaufnahme der Kopf merkwürdig verzerrt erscheint, wirkt der bei der Teleaufnahme fast zweidimensional. Achten Sie auch auf den hinteren Rand des Tisches, der mit zunehmender Brennweite auf der Bildfläche immer weiter nach unten rückt.

Bildwinkel - AufnahmeabstandAnders als bei dem obigen Beispiel wurde hier zwischen den Aufnahmen nicht allein die Brennweite, sondern zugleich auch der Aufnahmestandpunkt geändert. Um das Motiv formatfüllend abzulichten, musste mit zunehmender Brennweite der Aufnahmeabstand immer weiter vergrößert werden, von 0,3 m bei 24-mm-Brennweite bis auf 1,3 m bei 105-mm-Brennweite.

Aus dieser Serie könnte man nun den Schluss ziehen, dass allein die Veränderung des Aufnahmeabstands zu einer veränderten Perspektive führen würde. Aber auch dieser Schluss wäre etwas vorschnell. Dabei bliebe nämlich unberücksichtigt, dass erst die Änderung des Bildwinkels, also die Änderung der Brennweite, einen Verkürzung des Aufnahmeabstands möglich gemacht hat. Wäre die erste Aufnahme aus einem Abstand von 0,3 m mit einem 105-mm-Teleobjektiv aufgenommen worden, wäre im Foto bestenfalls die Nasenspitze zu sehen.

Die Verwendung einer kürzeren Brennweite gibt dem Fotografen also die Möglichkeit, sein Motiv aus einer kürzeren Distanz zu fotografieren. Die kürzere Aufnahmedistanz wiederum verändert das Größenverhältnis zwischen nahen und entfernten Objekten und damit die Perspektive. Es ist also das Zusammenspiel von Aufnahmedistanz und Bildwinkel (Brennweite), das die Perspektive einer Aufnahme bestimmt.

Wie groß bei diesem Zusammenspiel der Einfluss des Bildwinkels ist, wird deutlich, wenn die Kamera bei der Aufnahme gekippt wird. Im vorigen Abschnitt hatten wir bereits gesehen, dass dadurch der Horizont aus der Bildmitte nach oben oder unten verschoben wird und dadurch mehr Platz für die Verteilung der Objekte am Boden bzw. am Himmel zur Verfügung steht.

TeleobjektivSoll der Horizont nicht vollständig aus der Bildfläche verbannt werden, kann bei der Arbeit mit einem Teleobjektiv die Kamera nur leicht gekippt werden. Wie die nebenstehende Grafik zeigt, verringert sich dadurch der Aufnahmeabstand zu den Objekten am unteren Bildrand nur geringfügig, weshalb sich das Größenverhältnis zu den entfernteren Objekten nur geringfügig ändert.

WeitwinkelGanz anders ist es bei der Arbeit mit einem Weitwinkelobjektiv. Hier kann die Kamera stark gekippt werden, ehe der Horizont aus dem Bild verschwindet. Das führt dazu, dass der Aufnahmeabstand zu den Objekten am unteren Bildrand deutlich reduziert wird und diese Objekte deutlich größer abgebildet werden als weiter entfernte Objekte. Der Vordergrund wird hierdurch stark beton und der perspektivische Eindruck verstärkt.

Betrachtungsabstand

Der Vollständigkeits halber darf hier nicht unerwähnt bleiben, dass die Wirkung der Perspektive in einem Foto schließlich auch von der Ausgabegröße und dem Betrachtungsabstand abhängt. Wenn ein Foto als Ausdruck oder auf dem BetrachungsabstandBildschirm betrachtet wird, erscheint das Bild in Maßstab und Perspektive natürlich, wenn das Verhältnis der Bilddiagonalen zum Betrachtungsabstand dem Verhältnis der sich aus dem Bildwinkel ergebenen Motivdiagonalen zum Kameraabstand während der Aufnahme entspricht.

Ein handgroßes Foto wird in der Praxis meist aus einem bequemen Leseabstand von etwa 20-30 cm betrachtet werden. Dies entspricht in etwa dem Verhältnis von Motivdiagonale zum Aufnahmeabstand, der mit einem Normalobjektiv mit einer Brennweite um 50 mm (KB) erzielt wird. Natürlich können Sie durch eine entsprechende Präsentation Ihrer Bilder auch versuchen, Einfluss auf den Betrachungsabstand zu nehmen.

Das nebenstehende Foto wurde mit einem 20-mm-Weitwinkelobjektiv aufgenommen. Aus dem Bildwinkel von gut 94° errechnet sich ein Verhältnis von Motivdiagonale zum Aufnahmeabstand von 1:0,46. Je nach Bildschirm wird dieses Foto mit einer Bilddiagonalen von etwa 12 bis 13 cm dargestellt werden. Bei einem Betrachtungsabstand von etwa 5,5 cm würden die für eine Weitwinkelaufnahme typische Verzerrung nicht mehr auffallen.

Praxis

Zum Glück müssen Sie in der Praxis nicht auf physikalische Korrektheit, sondern nur auf eine gute Aufnahme achten. Auch wenn sie die Zusammenhänge nicht ganz richtig wiedergeben, haben sich in der Praxis die folgenden Merksätze als praktikabel erwiesen:

1. Beim Einsatz eines Weitwinkelobjektivs werden die Bildebenen auseinander gezogen. Objekte in der Nähe des Aufnahmestandpunkts werden im Foto deutlich größer dargestellt als weiter entfernte Objekte. Dadurch wird der Eindruck räumlicher Tiefe verstärkt, wenn Sie während der Aufnahme nahe an die Objekte herangehen.

Beim Einsatz eines Teleobjektivs werden die Bildebenen komprimiert. Das Bild wirkt dadurch flacher und der Eindruck von Perspektive geht zunehmend verloren.

2. Nicht allein die Brennweite, sondern das Zusammenspiel von Brennweite und Aufnahmestandpunkt ist entscheidend für die perspektivische Darstellung im Foto. Die Wahl des Aufnahmestandpunkts sollte deshalb immer der Brennweite folgen und nicht umgekehrt.

Entscheiden Sie deshalb zuerst, welche Brennweite zu Ihrer Bildidee passt. Die obigen Merksätze können bei der Auswahl helfen. Mit zunehmender praktischer Erfahrung werden Sie aber bald sehr gut selbst einschätzen können, welche Brennweite ideal wäre.

Montieren Sie eine entsprechende Festbrennweite auf Ihre Kamera oder wählen Sie bei Zoomobjektiven die gewünschte Brennweite. Zur Not kann mit einem Klebeband die Einstellung an Zoomobjektiven fixiert werden.

Suchen Sie erst jetzt den passenden Aufnahmestandpunkt. Kontrollieren Sie dabei immer wieder die Bildkomposition im Sucher bzw. auf dem Kameradisplay und machen Sie Testaufnahmen. Wenn Sie nicht zufrieden sind, ändern Sie solange wie möglich den Standpunkt und nicht die Brennweite.

Natürlich ist diese Vorgehensweise anstrengender und zeitaufwendiger, als eben am Zoomring zu drehen. Die Anstrengungen werden sich aber in jedem Falle lohnen.