5. Brennweiten

Je nach Bildwinkel, den ein Objektiv abbildet, werden Objektive in unterschiedliche Klassen eingeordnet, vom Weitwinkel- bis zum Teleobjektiv. Es ist allerdings unüblich, den sich aus Brennweite und Aufnahmeformat ergebenen Bildwinkel anzugeben. Stattdessen wird meist allein die Brennweite des Objektivs genannt, das je nach Aufnahmeformat unterschiedliche Bildwinkel abbildet.

Da jahrelang in der analogen Fotografie das Kleinbildformat dominierend war, wurde es in der digitalen Fotografie für Spiegelreflexkameras zu einer Art Referenzformat. Ist das Sensorformat einer Kamera kleiner als das Kleinbildformat, kann mit Hilfe des vom Herstellers angegebenen Umrechnungsfaktors (oft "Brennweitenverlängerung" genannt) die Brennweite des Objektivs ins Kleinbildäquivalent umrechnen werden. Dies ermöglicht einen Vergleich des erzielbaren Bildwinkels trotz unterschiedlicher Sensorformate.

Alle auf dieser Seite gemachten Angaben zur Brennweite beziehen sich dementsprechend auf das Kleinbildformat, soweit nichts anderes angegeben ist.

Normalobjektiv

Der Bildwinkel des Menschen beträgt etwa 45°. Im Kleinbildformat entspricht dies einer Brennweite von etwa 50 mm. Objektive mit Brennweiten zwischen 40 und 65 mm werden deshalb Normalobjektive genannt.

NormalobjektivDas Bild des Normalobjektivs entspricht weitestgehend unserer alltäglichen Wahrnehmung. Entfernung und Staffelung der Objekte im Raum verändern sich kaum gegenüber dem, was wir mit den bloßen Augen sehen. Es gibt das wieder, was wir sehen, ohne den Vordergrund zu betonen oder Distanzen zu überbrücken.

Diese neutrale Wiedergabe prädestiniert das Normalobjektiv besonders für die Dokumentarfotografie. Keine reißerischen optischen Effekte lenken vom eigentlichen Bildinhalt ab. Der Fotograf kann sich voll auf das Geschehen vor der Kamera konzentrieren, wobei er nahe am Geschehen dran ist (ca. 2 bis 4 m), ohne mitten drin zu stecken.

Dem natürlichen Bildwinkel fehlt allerdings jede Überraschung. Deshalb wird das Normalobjektiv oft auch als durchschnittlich oder gar langweilig belächelt. Um dieser Langeweile entgegenzuwirken, muss bei der Arbeit mit Normalobjektiv besondere Aufmerksamkeit auf die Wahl des Motivs, des Aufnahmestandpunkts und der Anordnung der Bildelemente im Foto geachtet werden.

Für Kameras mit Vollformatsensoren werden besonders lichtstarke Standardfestbreiten mit herausragenden Abbildungsqualitäten angeboten. Anfangsblenden zwischen 1.4 und 1.8 ermöglichen an einem 50-mm-Objektiv Aufnahmen mit geringer Schärfentiefe und spannende Spiele mit Schärfe und Unschärfe.

Kameras mit Sensoren im Halbformat erreichen den gleichen Bildwinkel mit Brennweiten von 30 bis 33 mm. Inzwischen gibt es auch hier lichtstarke Festbrennweiten. Aufgrund der kürzeren Brennweite erzielen diese allerdings eine größere Schärfentiefe.

Teleobjektiv

Teleobjektive geben einen Bildwinkel bis etwa 35° wieder. Im Kleinbildformat beginnen Teleobjektive ab 70 mm Brennweite.

Teleobjektive sind quasi wie kleine Ferngläser. Weiter entfernte Objekte werden wegen des kleineren Bildwinkels größer abgebildet, als seien sie herangeholt worden. Sie sind besonders dann von Vorteil, wenn sie nicht näher an ihr Motiv herangehen können, es aber dennoch formatfüllend abbilden wollen.

Der engere Bildausschnitt ermöglicht zudem die Konzentration auf ein Motiv. Störende Bildelemente können einfach aus dem Bild verbannt werden. Durch die geringe Schärfentiefe langbrennweitiger Objektive kann außerdem das Hauptmotiv aus einem unscharfen Hintergrund herausgelöst werden.

Der enge Bildausschnitt hat außerdem zur Folge, dass weiter voneinander entfernte Objekte im Foto so erscheinen, als wären Sie dichter beieinander. Die Bildinhalte werden förmlich zusammengepresst, wodurch es schwierig werden kann, die tatsächlichen Größenverhältnisse wiederzuerkennen.

Die verdichtete Wiedergabe kann dazu führen, dass der Aufnahme räumliche Tiefe fehlt, das Bild flach und zweidimensional wirkt. Dem muss durch eine entsprechende Anordnung der Bildelemente entgegen gewirkt werden.

Da mit dem Teleobjektiv große Distanzen überbrückt werden, können Aufnahmen schnell den Eindruck von Distanziertheit oder gar Gefühlskälte vermitteln. Andererseits ermöglicht der enge Bildausschnitt im Nahbereich das Gefühl von Intimität.

Die Brennweiten von 80 bis 135 mm gelten als klassische Proträtbrennweite. Sie haben oft eine leicht kissenförmige Verzeichnung, die bei Kopfporträts das Gesicht etwas schmaler werden lässt, was meist vorteilhaft wirkt.

Je länger die Brennweite ist, desto größer wird die Gefahr des Verwackelns der Aufnahme. Wegen des kleineren Bildausschnitts können breites kleinste Bewegungen der Kamera während der Aufnahme zu Verwackungsunschärfe führen. Als Faustformel gilt, dass die Belichtungszeit für Aufnahmen aus der Hand nicht kürzer sein sollte als der Kehrwert der Brennweite in Sekunden (z.B. 1/100 Sek. bei 100 mm Brennweite). Bei Superteleobjektiven ab 300 mm Brennweite sollten Sie besser immer ein Stativ nutzen.

Je länger die Brennweite ist, desto größer wird bei gleicher Blendenzahl die tatsächliche Blendenöffnung. Bei langen Brennweiten kann dies zu echten Konstruktionsproblemen führen. Lichtstarke Teleobjektive können deshalb schnell eine unhandliche Größe und einen für den Normalverbraucher unerschwinglichen Preis haben.

Weitwinkelobjektiv

Ab einem Bildwinkel von 65° spricht man von einem Weitwinkelobjektiv. Dies sind im Kleinbildformat die Brennweiten bis 35 mm.

Weitwinkelobjektive liefern einen großen Bildausschnitt. Sie bieten viel Platz für Bildinhalte und gerade das macht den Umgang mit ihnen so schwierig. Für ein gutes Foto müssen die Bildinhalte in eine sinnvolle Anordnung auf der Bildfläche gebracht werden. Je mehr Objekte erfasst werden, umso schwieriger wird dies. Vielfach wird das Weitwinkelobjektiv abfällig als "geschwätzig" bezeichnet, weil mit ihm versucht wird, zu viele Bildinhalte in eine Aufnahme zu packen.

Ein weiteres Problem im Umgang mit Weitwinkelobjektiven ist die starke Verzerrung. Objekte in unmittelbarer Nähe des Objektivs werden groß abgebildet, mit zunehmendem Abstand werden sie jedoch schnell kleiner. Das Weitwinkel betont den Vordergrund überproportional. Bewusst eingesetzt kann mit diesem Effekt starke räumliche Tiefe oder die Illusion von Weite erzeugt werden.

Für "normale" Porträtaufnahmen ist es hingegen ungeeignet, da es die Proportionen verfälscht. Im Beispiel links ist der Kopf des Hundes größer als der restliche Körper. Auch wenn diese Karikatur den Charakter des Hundes durchaus treffend beschreibt, hat nicht jeder so viel Humor - vor allem wenn er selbst so porträtiert werden würde.

Neben der Verzerrung kommt bei fast allen Weitwinkelobjektiven eine stark tonnenförmige Verzeichnung hinzu. Insbesondere bei Architekturaufnahmen wird diese an den Bildrändern dadurch deutlich, dass gerade Linien, wie z.B. eine Häuserecke, am Bildrand stark gekrümmt sind.

Wird die Kamera dann auch noch nur ein wenig nach oben oder unten gekippt entstehen stürzende Linien. Das sind Linien, die in der Realität eigentlich exakt parallel verlaufen, auf dem Foto jedoch perspektivisch aufeinander zulaufen.

Im Beispiel rechts kann man diese Effekte sehr gut an dem Schornstein am rechten Bildrand erkennen. In Wirklichkeit ragte dieser senkrecht und gerade in die Höhe. Seine Schieflage entstand, weil die Kamera leicht nach oben gekippt war; seine Krümmung wurde durch die kissenförmige Verzeichnung des Objektivs verursacht.

Brennweiten bis 24 mm werden als Superweitwinkelobjektive bezeichnet. Ein ganz besonderes Weitwinkel ist das Fisheye mit einem Bildwinkel von mehr als 90°. Dieses Objektiv liefert allerdings kein rechteckiges Abbild mehr, sondern eine fast kreisrunde Aufnahme.

Zoomobjektiv

Objektive mit einer variablen Brennweite werden Zoomobjektive genannt. Meist kann durch einen Ring am Objektiv stufenlos eine beliebige Brennweite in einem vorgegebenen Brennweitenbereich eingestellt werden. Statt mehrerer Objektive mit festen Brennweiten reicht also ein Zoomobjektiv, um einen Brennweitenbereich abzudecken.

Je nach Zoombereich wird zwischen Weitwinkel-, Standard- und Tele-Zoom unterschieden. Das Standard-Zoom reicht vom gemäßigten Weitwinkel bis zum leichten Tele, z.B. von 28 bis 70 mm. Im Amateurbereich werden sog. Mega-Zooms immer beliebter, die fast den gesamten üblichen Brennweitenbereich vom gemäßigten Weitwinkel bis zum Tele abdecken, z.B. 28 bis 300 mm oder 18 bis 200 mm für Kameras mit Halbformatsensor.

Zoomobjektive sind sehr praktisch und bequem. Anderseits sind sie bei der Abbildungsqualität Festbrennweiten meist noch unterlegen. Insbesondere das Mega-Zoom liegt bei einem Qualitätsvergleich abgeschlagen hinten.

Für das Zoom spricht:

  • Die stufenlose Anpassung der Bildgröße innerhalb des Zoombereichs ist deutlich flexibler als die Arbeit mit mehreren Festbrennweiten.
  • Mit Zoomobjektiven kann schneller auf unerwartete Ereignisse z.B. in der Action-, Natur- oder Sportfotografie reagiert werden.
  • Es besteht nicht die Gefahr, den entscheidenden Moment während eines Wechsels des Objektivs zu verpassen.
  • Die notwendige Ausrüstung wird mit Zoomobjektiven kleiner.

Gegen das Zoom spricht allerdings:

  • Die größte Blendenöffnung ist selbst bei guten Zoomobjektiven etwa 1 - 1,5 Stufen kleiner als bei vergleichbaren Festbrennweiten.
  • Die Schärfenskala des Zooms reicht nicht bis auf sehr nahe Motiventfernungen heran es sei denn, es wird in ein teureres Makrozoom investiert.
  • Preisgünstige Zoomobjektive oder Mega-Zooms erzielen oft einen geringeren Bildkontrast und eine geringere Bildschärfe sowie Verzerrungen an den Enden des Zoombereichs.
  • Zoomobjektive verleiten zu Nachlässigkeiten bei der Wahl der Perspektive; statt den optimalen Standort für ein Motiv zu suchen wird einfach "heran gezoomt".

Ausrüstung

Die optimale Ausrüstung gibt es auch bei Objektiven nicht. Welche Objektive Sie "unbedingt brauchen", hängt davon ab, was Sie fotografieren wollen. Wer sich als Anfänger eine Objektivausrüstung zusammenstellen will oder wer auf einer Reise für die meisten Situationen gewappnet sein will, sollte sich mit Objektiven vom Weitwinkel (28 mm) bis zum mittleren Tele (200 mm) ausstatten.

Aus Qualitätsgründen würde ich persönlich auf ein Mega-Zoom verzichten. Stattdessen bieten sich z.B. Kombinationen aus 28 und 50 mm Festbrennweiten mit einem 70-200 mm Telezoom oder ein 28-70 mm und ein 50-150 mm Zoom an. Für Spiegelreflexkameras mit Halbformatsensor werden heute sowohl Festbrennweiten als auch Zooms mit äquivalenten Brennweiten angeboten.

Superweitwinkelobjektive stellen in Bezug auf Motivwahl und Bildgestaltung eine besondere Herausforderung für den Fotografen dar. Zudem sind Superweitwinkelobjektive mit annehmbarer Abbildungsqualität vergleichsweise teuer, so dass Sie sich vor einer Anschaffung genau überlegen sollten, ob Sie wirklich mit diesem Objektiv arbeiten wollen.

Auch Superteleobjektive sind in der Anschaffung recht teuer. Sollen sie auch noch lichtstark sein, werden sie für den durchschnittlichen Amateurfotografen meist unbezahlbar. Zudem sind Superteleobjektive recht groß und schwer, so dass stundenlange Wanderungen mit ihnen nicht wirklich Spaß machen - zumal Sie nicht das Stativ vergessen dürfen. Deshalb sollte auch hier die Investition wohl überlegt sein. Wer allerdings wildlebende Tiefe fotografieren will, wird ohne Supertele nur schwer auskommen.

Wen die Welt des Kleinen fasziniert, sollte mindestens ein Makroobjektiv in seinen Bestand aufnehmen, als Festbrennweite oder als Zoom. Da Makroobjektive zugleich auch als "normales" Objektiv genutzt werden können, müssen sie nicht notwendig als zusätzliche Ausrüstung angeschafft werden. Alternativ können aber auch "normale" Objektive mit zusätzlichen Zwischenringen zu einem Makroobjektiv werden.