5. Sonnenlicht

Wenn das Wetter schön ist, zieht es auch viele Hobbyfotografen ins Freie. Natürlich ist es angenehmer bei strahlendem Sonnenschein auf Fotosafari zu gehen als bei Sturm und Regen. Kein Wunder also, dass eine Vielzahl von Aufnahmen von der direkten Sonne ausgeleuchtet sind. Nicht immer sind die Ergebnisse jedoch überzeugend.

Direktes Sonnenlicht ist für den Fotografen sowohl in technischer wie auch in ästhetischer Hinsicht oft eine echte Herausforderung. Es wirft harte, oft farbige Schatten, führt zu kontrastreichen Motiven und steht meist nur für kurze Zeit im idealen Winkel zum Motiv. Auf der anderen Seite sind die Lichtverhältnisse an einem sonnigen Tag vergleichsweise gut vorhersehbar, wodurch die Planung einer Aufnahme deutlich vereinfacht wird, solange das Wetter mitspielt.

Sonnenstand

Bereits als Kind lernen wir, dass die Sonne morgens im Osten aufgeht und am Abend im Westen untergeht. Dem Fotografen wird diese Erkenntnis jedoch nicht reichen, um seine Aufnahmen sicher planen zu können. Tatsächlich hängt der Sonnenstand nicht allein von der Tageszeit ab, sondern auch von der Jahreszeit und dem Ort der Aufnahme.

Allein in den Tropen geht die Sonne das ganze Jahr über morgens in etwa zur selben Zeit am selben Ort im Osten auf, steht mittags fast senkrecht über dem Horizont und geht abends in etwa zur selben Zeit am selben Ort im Westen unter. Je weiter man sich jedoch vom Äquator entfernt, umso mehr ändert sich der Weg der Sonne am Himmel mit den Jahreszeiten.

Auf der nördlichen Erdhalbkugel geht die Sonne während der Sommermonate morgens früh im Nordosten auf und erst am späten Abend im Nordwesten unter. Während der Wintermonate geht die Sonne erst am späten Vormittag im Südosten auf und bereits am Nachmittag im Südwesten unter. Der Höchststand der Sonnen ist während der Sommermonate deutlich höher als während der Wintermonate. Die Höhe des Sonnenstandes hängt aber nicht nur von der Jahreszeit, sondern auch vom Standort ab. Je weiter man sich auf der nördlichen Erdhalbkugel nach Norden begibt, umso niedriger wird der Stand der Sonne.

Wer als Landschaftsfotograf seine Aufnahmen exakt planen will, muss also genau wissen, wo die Sonne während der Aufnahme am Himmel stehen wird. Auf der Webseite der Klimastadt Stuttgart kann man sich für jeden beliebigen Ort auf der Erde und für jeden beliebigen Tag  die Sonnenstände berechnen und grafisch anzeigen lassen. Ein solcher Sonnenkompass kann wertvolle Hilfe bei der Planung einer Aufnahme leisten.

Charakteristik

Trotz der immensen Größe hat die Sonne auf der Erde die Charakteristiken einer Punktlichtquelle. Direktes Sonnenlicht wirft harte, klar umrissene dunkle Schatten. Lediglich bei Sonnenauf- und -untergang, wenn die Sonne unmittelbar über dem Horizont steht, wird das Licht durch die Atmosphäre der Erde leicht gestreut.

Das Licht der Sonne kommt für alle Objekte eines Motivs immer aus derselben Richtung. Anders als bei Aufnahmen mit Kunstlicht fallen deshalb die Schatten der Objekte immer in dieselbe Richtung.

Direktes Sonnenlicht ist sehr hell. Der Kontrast zu den Schatten ist meist sehr hoch und kann den Dynamikumfang des Kamerasensors übersteigen. Insbesondere bei Gegenlichtsaufnahmen muss deshalb die Belichtung auf die Lichter oder die Schatten abgestimmt oder die Schatten durch eine weitere Lichtquelle aufgehellt werden.

Die Lichtbrechung in der Atmosphäre ist der Grund dafür, dass das Licht der tief stehenden Sonne meist gelblich ist (ca. 4000-4500 K). Je höher die Sonne am Himmel steigt, umso mehr wandelt sich die Farbe des Lichts zu weiß. Zur Mittagszeit (im Sommer) hat das Licht eine Farbtemperatur von ca. 5500-6500 K.

Praxis

Ob direktes Sonnenlicht das geeignete Licht für eine Aufnahme ist, ist natürlich in erster Linie eine Frage des persönlichen Geschmacks. Unter diesem Vorbehalt können jedoch einige Verallgemeinerungen getroffen werden.

Für die Aufnahme kleinerer Objekte und für Portraitaufnahmen ist direktes Sonnenlicht in der Regel nicht geeignet. Vor allem wenn die Sonne hoch am Himmel steht, entstehen bei Gesichtern dunkle Schatten unterhalb der Nase und des Kinns, die auch durch Aufhellung nicht wirklich ansehnlich werden. Muss das Modell gegen die Sonne blicken, wird es meist geblendet und kneift die Augen unschön zusammen. Wollen Sie dennoch an einem sonnigen Tag Personen fotografieren, sollten Sie nicht auf einen Aufhellblitz verzichten.

Besser geeignet ist direktes Sonnenlicht für die Aufnahme großer Objekte, wie Gebäuden oder Landschaften. Besonders angenehm wirkt das Licht, wenn die Sonne nicht höher als 30° am Himmel steht. Kommt das Licht dann noch von der Seite (30-50°) werden bei Landschaftsaufnahmen die Schatten sichtbar und verleihen dem Bild räumliche Tiefe. Das Licht der tief stehenden Sonne hat zudem eine warme Farbe, die auf der Aufnahme eine besondere Stimmung vermitteln kann. Der automatische Weißabgleich der Kamera kann diese Stimmung jedoch wieder zunichtemachen. Der vordefinierte Weißabgleich für Tageslicht ist in der Regel besser geeignet, die Lichtstimmung in der Aufnahme wiederzugeben.

Bei Landschaftsaufnahmen im direkten Sonnenlicht entstehen meist blaustichige Schatten. Dies liegt daran, dass in die Schatten nur das vom blauen Himmel reflektierte Licht fällt (>10.000 K). Wird hier der Weißabgleich der Kamera auf die Schatten abgestimmt, erscheint der sonnenbeschienene Teil der Landschaft unnatürlich rötlich. Wirkliche Abhilfe schafft hier nur eine nachträgliche Bearbeitung der Aufnahme, bei der der Blaustich der Schatten beseitigt wird.

Bei der linken Aufnahme ist der Weißabgleich auf Taglicht (5500 K) eingestellt. In den Schatten rechts im Foto ist deutlich ein Blaustich zu erkennen. Bei der rechten Aufnahme wurde der Weißabgleich auf die Schatten optimiert (12000 K). Der Blaustich der Schatten ist nun zwar verschwunden, dafür ist der Rest des Bildes unnatürlich ockerbraun.