7. Kunstlicht

Immer wenn nicht die Sonne als Lichtquelle gemeint ist, spricht der Fotograf von Kunstlicht. Der Begriff ist sehr weit gefasst und umfasst sowohl das Kerzenlicht wie auch das Flutlicht im Stadion. Auch das Licht spezieller Fotoleuchten, wie z.B. das Blitzlicht, gilt als Kunstlicht. Im folgenden Abschnitt geht es jedoch nur um Lichtquellen, die ihr Licht über einen längeren Zeitraum abgeben (sog. Dauerlicht). Das Blitzlicht wird im nachfolgenden Abschnitten ausführlich behandelt.

Lichtquellen

In der modernen industriellen Welt gibt es eine Vielzahl unterschiedlichster Arten künstlicher Lichtquellen. Grob vereinfacht lassen sich jedoch aus fotografischer Sicht zwei grundlegende Arten von Lichtquellen unterscheiden.

Glühende Lichtquellen

Bei glühenden Lichtquellen wird durch die Erhitzung eines Stoffes nicht nur Wärme, sondern auch Licht erzeugt. Die wohl bekannteste glühende Lichtquelle ist die inzwischen vom Aussterben bedrohte Glühbirne. Bei ihr wird durch Strom eine winzige Metallspirale erhitzt und zum Glühen gebracht. Auch eine Kerze oder ein Lagerfeuer zählen zu den glühenden Lichtquellen.

Die Besonderheit glühender Lichtquellen ist, dass ihr Licht das gesamte Farbspektrum umfasst, d.h. dass das Licht wenn auch mit unterschiedlichen Anteilen sämtliche Wellenlängen sichtbaren Lichts umfasst. Je mehr Energie von der Lichtquelle ausgeht, umso mehr verschiebt sich die Farbe des Lichts von Rot nach Blau.

Das Licht einer Kerze beispielsweise enthält alle sichtbaren Farben von Violett über Blau, Grün, Orange bis Rot. Da eine Kerze jedoch vergleichsweise wenig Energie abgibt, überwiegen das langweilige Orange und Rot. Kerzenlicht hat eine Farbtemperatur von 1800 bis 2000 K.

Auch Glühlampenlicht enthält alle sichtbaren Farben. Da sie im Vergleich zu einer Kerze jedoch mehr Energie abgeben, erhöht sich die Farbtemperatur je nach Leistung der Birne. Eine 60 W Glühbirne hat eine höhere Farbtemperatur (weniger Orange) als eine 40 W Birne.

Der Weißabgleich ist bei glühenden Lichtquellen vergleichsweise einfach. Es muss lediglich die passende Farbtemperatur vor der Aufnahme oder bei der späteren RAW-Konvertierung ausgewählt werden.

Nicht glühende Lichtquellen

Vor größere Herausforderungen wird ein Fotograf meist durch nicht glühende Lichtquellen gestellt. Zu den nicht glühenden Lichtquellen zählen insbesondere Gasentladungslampen (Metalldampflampen), in denen Metallatome durch Ionisation in einer elektrischen Ladung zum Leuchten angeregt werden. Zu den Gasentladungslampen zählen beispielsweise Natrium- oder Quecksilberdampflampen, die zur Straßenbeleuchtung eingesetzt werden. Auch Leuchtstofflampen, insbesondere die so genannte Energiesparlampen, sind Gasentladungslampen. Eine vergleichsweise geringe Verbreitung haben bislang noch LED-Lampen. Bei diesen Lampen wird das Licht durch ein elektronisches Halbleiter-Bauelement erzeugt, die Leuchtdiode.

Aus fotografischer Sicht besteht bei diesen Lichtquellen das Problem, dass – mit Ausnahme weniger Speziallampen – das Licht dieser Lichtquellen nicht das gesamte Farbspektrum abdeckt. Die verwendeten Leuchtstoffe strahlen nur an einem bestimmten Punkt des Farbspektrums. Durch die Kombination verschiedener Leuchtstoffe können Hersteller zwar fast weißes Licht erzeugen, anders als bei dem Licht einer glühenden Lichtquelle fehlen jedoch ganze Wellenlängenbereiche.

Das menschliche Auge mag auf diese Weise noch überlistet werden können. Die Kamera registriert den Ausfall ganzer Wellenlängenbereiche jedoch genau. So kann es bei Gasentladungslampen auf der Aufnahme zu unnatürlichen Farbverschiebungen kommen, die mit einer bloßen Korrektur der Farbtemperatur nicht vollständig ausgeglichen werden können. Gute Kameras und RAW-Konvertierungsprogramme bieten deshalb nicht nur die Möglichkeit, die Farbtemperatur einzustellen, sondern auch eine Farbverschiebung zwischen Grün und Magenta vorzunehmen.

Welche Farben eine Lampe abgibt, kann je nach Fabrikat sehr unterschiedlich sein. Im Laufe der Zeit können sich die Lichtfarben einer Lampe zudem auch ändern. Der sicherste Weg zu einer neutralen Farbwiedergabe ist hier der manuelle Weißabgleich.

Mischlicht

Eine weitere Schwierigkeit bei der Arbeit mit Kunstlicht ist, dass ein Motiv häufig durch ganz unterschiedliche Lichtquellen ausgeleuchtet wird. So können in einem Raum beispielsweise Glühbirnen und Energiesparlampen zum Einsatz kommen. In einem Einkaufszentrum ist das Schaufenster des einen Ladens mit Leuchtstoffröhren der Marke X und das Schaufenster des anderen Ladens mit Leuchtstoffröhren der Marke Y beleuchtet. Die unterschiedlichen Lichtquellen führen zu ganz unterschiedlichen Lichtfarben.

Ein für alle Lichtquellen richtiger Weißabgleich ist in solchen Fällen unmöglich. Entweder wird ein für alle Lichtquellen akzeptabler Kompromiss beim Weißabgleich gesucht oder der Weißabgleich wird auf die dominierende Lichtquelle abgestimmt. Das Licht der anderen Quellen wird dann als Farbtupfer in der Aufnahme sichtbar. Diese können bildgestalterisch eingesetzt werden und der Aufnahme einem besonderen Charakter verleihen.

Intensität

Im Vergleich zur Sonne ist jede künstliche Lichtquelle geradezu winzig. Während die Sonne ganze Landschaften ausleuchten kann, ist die Reichweite künstlicher Lichtquellen sehr beschränkt. Selbst die riesigen Flutlichter in Fußballstadien können nur das Innere des Stadions ausleuchten.

Bei Aufnahmen mit künstlichen Lichtquellen ist das negative Quadratgesetz zu beachten. Jede Verdoppelung der Entfernung zur Lichtquelle führt dazu, dass sich die Lichtmenge auf ein Viertel reduziert. Umgekehrt führt jede Halbierung der Entfernung zu einer Vervierfachung der Lichtmenge. In vielen Fällen ist der zunehmende Lichtabfall mit zunehmender Entfernung zur Lichtquelle in einer Aufnahme sichtbar. Er muss sowohl bei der Belichtungsmessung als auch bei der Bildgestaltung berücksichtigt werden.

Ist die Lichtquelle selbst im Foto zu sehen, entsteht meist ein Kontrastumfang, der den Dynamikumfang der Kamera übersteigt. Während die Lichtquelle selbst überbelichtet weiß ist, versinkt die weitere Umgebung im unterbelichteten Schwarz, wenn keine weiteren Lichtquellen vorhanden sind. Zur Ermittlung der richtigen Blendezeitkombination bietet sich in solchen Fällen die Arbeit mit der Zonenmethode an. Danach sind einzelne Bildpunkte mit dem Spot-Belichtungsmesser gezielt anzumessen und der gewünschten Zone zuzuordnen.

Zudem ist die von einer künstlichen Lichtquelle emittierte Lichtmenge vergleichsweise gering. Dies führt dazu, dass selbst bei weit geöffneter Blende in der Regel lange Belichtungszeiten erforderlich sind. Für verwackelungsfreie Aufnahmen ist deshalb ein Stativ unverzichtbar. Eine Erhöhung der ISO-Einstellung der Kamera ist in der Regel keine Alternative, da bei ISO-Einstellungen von über 1.200 in der Regel die Bildqualität erkennbar leidet.

Schatten

Bei direktem Sonnenlicht fallen alle Schatten parallel in eine Richtung. Bei künstlichen Lichtquellen ist dies anders. Da sie sehr viel kleiner als die Sonne und ungleich näher an den Objekten positioniert sind, fallen die Schatten der Objekte strahlenförmig von der Lichtquelle weg (siehe Foto).

Wird eine Szene von mehreren Lichtquellen ausgeleuchtet, kann ein Objekt mehrere Schatten werfen oder die Schatten verschiedener Objekte können sich kreuzen. Ein solches Schattenwirrwarr wirkt auf einer Aufnahme schnell unnatürlich und störend.

Kombination von Tages- und Kunstlicht

Besonders reizvoll sind häufig Motive, bei denen Tages- und Kunstlicht miteinander kombiniert werden, zum Beispiel Innenaufnahmen, bei denen durch ein Fenster Tageslicht fällt, oder Aufnahmen einer beleuchteten Großstadt in der Dämmerung oder Nacht. Der besondere Reiz solcher Aufnahmen ist häufig der auffällige Farbkontrast zwischen Tages- und Kunstlicht. Entscheidend ist dabei die Wahl des richtigen Weißabgleichs. Der automatische Weißabgleich der Kamera kann hierbei zu überraschenden und ungewöhnlichen Ergebnissen führen. Ein auf das Tageslicht abgestimmter Weißabgleich hebt die Farbigkeit der künstlichen Lichtquellen hervor. Die größten Freiheiten haben sie, wenn sie das RAW-Format Ihrer Kamera nutzen und den Weißabgleich später ganz individuell am Computer justieren.

Für die Aufnahme beleuchteter Gebäude oder Industrieanlagen eignet sich in der Regel am Besten die so genannte "Blaue Stunde". Als "Blaue Stunde" wird an einem klaren Tag die Zeit kurz nach Sonnenuntergang bezeichnet. Die Sonne ist bereits hinter dem Horizont verschwunden, ihr Licht wird aber noch vom blauen Himmel reflektiert. Das reflektierte Licht (Farbtemperatur über 12.000 K) verleiht der Umgebung einen bläulichen kalten Schimmer. Dies hebt den Farbkontrast zu künstlichen Lichtquellen besonders hervor. Gleichzeitig ist der Helligkeitskontrast zwischen den künstlichen Lichtquellen und der Umgebung noch nicht so hoch wie in dunkler Nacht.

Allerdings ist die Blaue Stunde vergleichsweise kurz und die Lichtverhältnisse verändern sich schnell. Aufnahmen sollten deshalb gut geplant werden. Bestimmen Sie noch vor Sonnenuntergang ihr Motiv und bauen die Kamera auf einem Stativ auf. Sobald die Sonne untergegangen ist, sollten sie dann mit den Aufnahmen beginnen und diese in regelmäßigen Abständen bis zur vollständigen Dunkelheit wiederholen. Passen Sie dabei die Belichtung den jeweiligen Lichtverhältnissen an. So erhalten Sie eine Reihe von Aufnahmen, aus der sie später die Aufnahme heraussuchen können, bei der das Kontrastverhältnis zwischen Tages- und Kunstlicht am besten passt.