9. Blitzpraxis

Nach dem Sonnenlicht ist das Blitzlicht die wohl zweithäufigste Lichtquelle in der Fotografie. Der vorausgehende Abschnitt hat jedoch gezeigte, dass bei der Arbeit mit Blitzlicht einige Besonderheiten beachtet werden müssen. Blitzlicht kann die Lichtstimmung einer Aufnahme zunichte machen. Einige Fotokünstler lehnen deshalb den Einsatz von Blitzlicht sogar kategorisch ab. Die Herausforderung für den Fotografen besteht deshalb darin, das Blitzlicht so einzusetzen, dass es in der späteren Aufnahme nicht als solches zu erkennen ist. Wie dies gelingen kann, soll hier an einigen typischen Situationen gezeigt werden.

Schatten

Blitzgeräte erzeugen hartes gerichtetes Licht. Dementsprechend entstehen harte dunkle Schatten, die in einem Foto oft störend sind.

Bei der Arbeit mit dem kamerainternen oder einem auf der Kamera montierten Blitz wird das Motiv frontal ausgeleuchtet. Die Schatten fallen hinter das Objekt und vermitteln deshalb nicht den Eindruck räumlicher Tiefe. Die Aufnahme wirkt flach und zweidimensional.

Befindet sich direkt hinter dem angeblitzten Objekt ein weiterer Gegenstand (z.B. eine Wand) zeichnen sich auf diesem Gegenstand die Schatten des Objekts deutlich ab (Foto oben). Es entsteht ein Schattenbild, das die Bildwirkung ruiniert, wenn es nicht bewusst zur Bildgestaltung eingesetzt wird. Beeinflussen kann man die Schatten, indem der Abstand zwischen dem Objekt und dem dahinter liegenden Gegenstand vergrößert wird (Foto rechts) oder indem eine der nachfolgend beschriebenen Techniken genutzt wird (z.B. indirektes oder entfesseltes Blitzen).

Indirektes Blitzen

Im Handel ist zahlreiches Zubehör erhältlich, mit welchem das Licht des Blitzes weicher gemacht werden soll. Das Problem direkt am Blitzgerät montierter Diffusoren und Reflektoren ist jedoch, dass sie die effektive Größe der Lichtquelle nur geringfügig erweitern. Die Auswirkungen auf die Lichtqualität sind deshalb begrenzt.

Ein anderer Weg die effektive Größe der Lichtquelle zu vergrößern ist die Nutzung einer weiter entfernten Reflektionsfläche. Beim indirekten Blitzen wird der Blitz nicht auf das Motiv, sondern z.B. auf eine weiße Zimmerdecke gerichtet. Das harte Blitzlicht trifft zunächst auf die helle Decke, wird von dieser diffus reflektiert und zum Motiv umgeleitet. Auf diese Weise wird das Motiv nicht mehr vom Blitzgerät, sondern von der Decke beleuchtet.

Voraussetzung fürs indirekte Blitzen ist ein Blitzgerät mit schwenkbarem Blitzkopf, der auf die Reflektionsfläche ausgerichtet werden kann. Zudem bedarf es zum indirekten Blitzen eines leistungsstarken Blitzgerätes. Durch den Umweg über die Reflektionsfläche erhöht sich der Abstand zwischen Blitzgerät und Motiv erheblich. Zudem schluckt die Reflektionsfläche je nach Farbe und Beschaffenheit einen Teil des Lichts.

Durch das indirekte Blitzen wird das Licht nicht nur weicher, es ändert auch seine Richtung. Statt frontal von der Kamera fällt das Licht von oben von der Decke auf das Motiv. Wird statt einer Zimmerdecke eine Seitenwand angeklickt, fällt das Licht von der Seite auf das Motiv.

Vorsicht ist bei farbigen Reflektionsflächen geboten. Farbige Reflektionsflächen reflektieren nur das Licht ihrer eigenen Farbe. Wird beispielsweise eine braune Holzdecke als Reflektionsfläche genutzt, wird ein Großteil des Lichts von der dunklen Decke geschluckt werden und nur braunes Licht reflektiert. Die Aufnahme erhält einen Farbstich, der durch einen Weißabgleich nur begrenzt beseitigt werden kann. Zum indirekten Blitzen eignen sich am besten weiße Decken oder Wände.

Entfesseltes Blitzen

Ist das Blitzgerät auf der Kamera montiert, leuchtet es das Motiv frontal aus. Hierdurch fallen die Schatten hinter das Motiv und sind in der Aufnahme nicht mehr erkennbar; das Bild wirkt flach und zweidimensional.

Um das Blitzgerät auch weiter entfernt von der Kamera positionieren zu können, bieten viele Hersteller spezielle zu ihrem System passende Kabel an, die das Blitzgerät mit dem Blitzschuh verbinden. Auf diese Weise kann man das Blitzgerät während der Aufnahme weiter von der Kamera entfernt halten und so die Lichtrichtung ändern.

Rote Augen

Das wohl bekannteste Problem bei der Arbeit mit Blitzlicht ist das Phänomen der roten Augen.

Die Pupille unserer Augen arbeitet ähnlich wie die Blende einer Kamera. Ist nur wenig Licht vorhanden, wird die Pupille weit geöffnet, damit viel Licht auf die Sehzellen auf der Netzhaut des Auges fallen kann. Wird es heller, schließt sich die Pupille und lässt so weniger Licht ins Auge.

Beim Einsatz von Blitzlicht wird für etwa 1/1000 Sekunde sehr viel Licht freigesetzt. Diese Zeit ist viel zu kurz, als dass sich die Pupille schließen könnte. Das gesamte Blitzlicht fällt durch die weit geöffnete Pupille auf den stark durchbluteten Netzhaut und wird von dieser wieder reflektiert. Je näher das Blitzlicht an der optischen Achse Motiv-Objektiv-Sensor positioniert ist, umso größer ist die Gefahr, dass das von Augenhintergrund reflektierte Licht die Augen rot färbt.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten diesem Phänomen vorzubeugen. Je weiter das Blitzgerät von der optischen Achse Motiv-Objektiv-Sensor platziert wird, umso geringer ist die Gefahr, dass das rot reflektierte Licht auf der Aufnahme zu erkennen ist. Bei den Techniken des indirekten oder entfesselten Blitzens tritt das Phänomen kaum auf.

Eine andere Möglichkeit ist, die Pupille vor der Aufnahme anzuregen, sich zu schließen, indem - wenn möglich - das Umgebungslicht erhöht wird. Viele (kamerainternen) Blitzgeräte bieten hierfür die Möglichkeit des Vorblitzens. Durch einen einzelnen oder eine ganze Salve von Blitzen vor der Aufnahme soll der Pupillenreflex ausgelöst werden und sich die Pupille verengen. Erst danach erfolgt die Aufnahme mit dem für die Belichtung des Sensors erforderlichen Blitz.

Aufhellblitz

Ein weit verbreiteter Irrtum ist, das Blitzlicht erst bei schwachem Umgebungslicht benötigt wird. In der Praxis fast noch wichtiger ist der Einsatz von Blitzlicht zum Aufhellen von Schatten.

Fällt beispielsweise an einem sonnigen Tag das Licht von oben, von der Seite oder gar von hinten auf das Motiv entstehen dunkle Schatten, die auf der Aufnahme als unterbelichtete Flächen erkennbar werden. Mithilfe eines Blitzlichts können diese Schatten aufgehellt werden, so dass im Foto auch in den Schatten Struktur erkennbar wird.

Wichtig ist, dass durch den Aufhellblitz die Schatten nur aufgehellt, nicht weggeblitzt werden sollen. Das Blitzlicht darf deshalb nicht stärker sein als das Hauptlicht, also das Sonnenlicht. Bei einer TTL-Steuerung des Blitzgerätes erreichen Sie dies durch eine Blitzleistungskorrektur. Über die Kameraelektronik muss die Blitzleistung auf Unterbelichtung von 2 bis 3 Blendensstufen eingestellt werden. Die richtige Einstellung ist gefunden, wenn auf der Aufnahme einerseits in den Schatten Struktur zu erkennen ist, andererseits die Schatten noch als Schatten erkennbar sind. Ist der Kontrast zwischen Licht und Schatten unnatürlich gering, muss die Blitzleistung weiter reduziert werden.

Da zum Aufhellen der Schatten meist nur eine geringe Lichtmenge erforderlich ist, kann auch der kamerainterne Blitz hier sehr gute Dienste leisten. Dabei ist es sogar von Vorteil, dass der kamerainterne Blitz frontal ausgerichtet ist.

Da Blitzlicht in etwa die gleiche Farbtemperatur hat wie Tageslicht, ist der Weißabgleich unter diesen Bedingungen unproblematisch. Im rötlichen Sonnenlicht am frühen Morgen oder späten Abend ist der Farbkontrast zum Blitzlicht jedoch problematisch. Um die Lichtstimmung der tief stehenden Sonne zu erhalten, muss mithilfe von Farbfiltern, die vor dem Blitzkopf montiert werden, die Farbe des Blitzlichts angepasst werden.

Glänzende Augen

Glänzende Augen sind ein Symbol für Vitalität, Gesundheit und Energie. Ein winziges Spitzlicht im Auge verleiht einem Modell einen ganz anderen Charakter.

Dies gilt sowohl für menschliche als auch für tierische Models. Bei Tieren werden oft erst durch das Spitzlicht die Augen als solche erkennbar. Ohne den Einsatz von Blitzlicht wären die Augen nur eine dunkle Höhle.

Erzeugt wird dieses Spitzlicht durch eine Reflektion der Lichtquelle in der Tränenflüssigkeit auf dem Augapfel. Gut geeignet sind hierfür das kamerainterne Blitzgerät oder ein Systemblitzgerät. Wie beim Aufhellblitz besteht die Kunst wieder darin, die Blitzleistung so weit zu reduzieren, dass die Reflektion im Auge noch zu sehen, im Übrigen die Lichtstimmung aber nicht beeinflusst wird. Als Ausgangspunkt kann hier eine um drei Blendenstufen reduzierte Blitzleistung genommen werden.

Blitz auf ersten oder zweiten Vorhang

Bei einigen Blitzsystemen kann zwischen einem Blitz auf den ersten oder zweiten Vorhang gewählt werden. Die Begriffe erster und zweiter Vorhang haben ihren Ursprung bei dem bereits oben erwähnten Schlitzverschluss der Spiegelreflexkameras. Aber auch an einigen Kompaktkameras ohne Schlitzverschluss können entsprechende Einstellungen vorgenommen werden.

Die Einstellung hat bei Langzeitbelichtungen einen entscheidenden Einfluss auf die Bildgestaltung. Bei der Einstellung auf den ersten Vorhang löst der Blitz zu Beginn der Belichtung des Sensors aus, wenn der Sensor vollständig freigegeben wurde. Bei der Einstellung auf den zweiten Vorhang löst der Blitz erst zum Ende der Belichtung aus, kurz bevor der Sensor durch den zweiten Vorhang wieder abgedeckt wird.

Während der Langzeitbelichtung werden sich bewegende Objekte unscharf verwischt aufgenommen (Bewegungsunschärfe). Das nur für 1/1000 Sekunde aufleuchtende Blitzlicht friert solche Objekte in ihrer Bewegung ein und sorgt für eine scharfe Wiedergabe. Wird der Blitz zu Beginn der Belichtung ausgelöst, wird das Objekt am Anfang scharf aufgenommen; die weitere Bewegung des Objekts wird verwischt wiedergegeben. Es entsteht der Eindruck als würde sich das Objekt auflösen. Wird der Blitz erst am Ende der Belichtung ausgelöst, ist es genau umgekehrt. Zunächst wird die Bewegung verwischt aufgenommen, ehe der Blitz das Objekt scharf einfriert. Wie bei einem Comic entsteht ein Schweif der Bewegung.