5. RAW-Konvertierung

Es wurde bereits mehrfach kurz erwähnt, dass die vom Kamerasensor gelieferten digitalen Daten noch kein (ansehnliches) Bild ergeben. Die Gamma-Korrektur und die Farbinterpolation bei CCD- und CMOS-Sensoren sind unverzichtbare Berechnungen, um aus den Daten ein Foto zu machen.

Diese und weitere Korrekturen erfolgen im Rahmen der RAW-Konvertierung (raw = engl. roh).

Verfahren

Bei der Mehrzahl digitaler Kameras erfolgt die RAW-Konvertierung unmittelbar nach der Aufnahme noch in der Kamera selbst. Die Kamera ist mit Prozessoren und Software ausgestattet, mit denen aus den Rohdaten ein Bild errechnet wird, das schließlich als JPEG- oder TIFF-Datei auf der Speicherkarte gespeichert wird (in der Grafik links dargestellt).

Dieses Verfahren ist für den Fotografen einfach und bequem, da die Konvertierung automatisch durch die Kamera erfolgt. Der entscheidende Nachteil ist, dass die Konvertierung kaum zu beeinflussen ist. Zwar bieten viele Kameras die Möglichkeit, über das Kameramenü die Voreinstellungen für Weißabgleich, Helligkeit, Kontrast und Bildschärfe zu verändern. Diese Einstellungen müssen jedoch vor der Aufnahme vorgenommen werden. Nachträgliche Änderungen sind nicht möglich, da die ursprünglichen Rohdaten nach der Konvertierung wieder gelöscht werden.

Bessere Kameras bieten daneben die Möglichkeit, die vom A/D-Wandler gelieferten Rohdaten unbearbeitet als sog. RAW-Datei auf die Speicherkarte zu schreiben (in der Grafik rechts dargestellt). RAW-Dateien sind keine Bilddateien; sie enthalten nur die Rohdaten, aus denen das Bild erst noch errechnet werden muss. Die Konvertierung erfolgt nach der Aufnahme am Computer zu Hause.

Für die RAW-Konvertierung am Computer benötigen Sie eine spezielle Software, sog. RAW-Konverter-Programme. Zum Lieferumfang einer Kamera, die mit RAW-Dateien arbeiten kann, gehört eine Konvertierungssoftware des Herstellers. Daneben gibt es von Drittanbietern Programme, die oft einen höheren Bedienungskomfort und einen größeren Funktionsumfang bieten.

Der unschlagbare Vorteil der RAW-Konvertierung am Computer ist, dass Sie alle Einstellungen für die Umwandlung nach der Aufnahme ganz individuell für die einzelne Aufnahme vornehmen können. Sie können zudem ohne Risiko verschiedene Einstellungen z.B. für Weißabgleich, Kontrast oder Bildschärfe ausprobieren und die Auswirkungen auf die Aufnahme am großen Bildschirm beurteilen. Erst wenn Sie alle passenden Einstellungen gefunden haben, werden in einem abschließenden Schritt die RAW-Daten in Bilddaten umgewandelt und in einer neuen Datei gespeichert. Die ursprüngliche RAW-Datei bleibt unverändert erhalten und kann auch mit anderen Einstellungen unzählige Male konvertiert werden ("digitales Negativ").

Moderne RAW-Konverter für den Computer sind zudem in der Regel deutlich leistungsfähiger als die in den Kameras integrierten Konverter. Sie ermöglichen eine viel gezieltere und feinere Steuerung der Konvertierung und bieten fast die gleichen Funktionen wie ein Bildbearbeitungsprogramm (vgl. Dunkelkammer - RAW-Konvertierung).

Funktion

Wird die RAW-Konvertierung von der Kamera selbst vorgenommen, können einige Faktoren der Konvertierung über die Einstellungen im Kameramenü beeinflusst werden. Entsprechende Einstellungen müssen allerdings vor der Aufnahme vorgenommen werden, da die Berechnung unmittelbar nach der Belichtung des Sensors und vor der Speicherung der Bilddatei auf der Speicherkarte erfolgt.

Welche Einstellungen vorgenommen werden können, kann je nach Kameramodell sehr unterschiedlich sein.

Weißabgleich

Welche Farbe ein Gegenstand hat hängt nicht allein davon ab, welche Farbe der Gegenstand reflektiert, sondern vor allem davon, welche Farbe das Licht hat, das auf den Gegenstand fällt. Wenn Sie ein weißes Blatt Papier vor eine Lichtquelle mit weißem Licht halten, wird das Blatt weiß erscheinen. Halten Sie dasselbe Papier vor eine Lichtquelle mit rotem Licht, wird es rot erscheinen. Bei einer blauen Lichtquelle wird es blau erscheinen usw.

Weißes Licht, das alle Farben des Spektrums enthält, gibt es eigentlich nur bei direktem Sonnenlicht zur Mittagzeit im Sommer oder bei Verwendung eines Blitzlichts. Steht die Sonne am Morgen oder Abend nur knapp über dem Horizont, wird das Licht durch die Atmosphäre gebrochen und erscheint deutlich wärmer (rötlicher). Ist kein direktes Sonnenlicht vorhanden, z.B. an einem bewölkten Tag, erhöht sich der Blauanteil des Lichts. Die Gegenstände erscheinen in diesem Licht kälter (blauer). Auch künstliche Lichtquellen erzeugen mit Ausnahme des Fotoblitzes in der Regel kein weißes Licht. Glühbirnen erzeugen ein warmes, rötliches Licht, Neonröhren oft ein unnatürlich grünes Licht. Über die Farbe des Lichts gibt die Farbtemperatur Auskunft, die in Kelvin (nicht Grad-Kelvin) angegeben wird.

Das menschliche Gehirn kann Farbunterschiede des Lichts blitzschnell kompensieren, ohne dass wir uns dessen überhaupt bewusst sind. Deshalb sehen wir sowohl bei Tageslicht als auch bei Kunstlicht ein weißes Blatt Papier.

In der digitalen Fotografie erfolgt die Kompensierung durch den Weißabgleich im Rahmen der RAW-Konvertierung. Dabei geht es in der Regel darum, die Farbverschiebungen auszugleichen, die durch das farbige Licht verursacht wurden, wobei die Farben im Bild genau entgegen der Farbe des Lichts bei der Aufnahme verschoben werden. Das kalte (blaue) Licht eines bewölkten Tages wird also dadurch ausgeglichen, dass die Farben im Bild zu den warmen Rottönen verschoben werden.

An der Kamera kann der Weißabgleich meist für typische Lichtverhältnisse eingestellt werden, die in der Regel durch entsprechende Symbole gekennzeichnet sind, z.B. auf Tageslicht oder Blitzlicht (5500 K), Bewölkt (6500 K), Schatten (7500 K), Kunstlicht (2850 K) oder Neonlicht (3800 K). Bessere Kameras bieten zudem die Möglichkeit, einen individuellen Kelvin-Wert einzugeben.

Viele Kameras bieten zudem einen automatischen Weißabgleich. Bei dieser Einstellung analysiert die Kameraelektronik während der Aufnahme das Bild und ermittelt einen passenden Wert für den Weißabgleich. An modernen Kameras arbeitet der automatische Weißabgleich in der Regel sehr zuverlässig.

Nicht immer ist eine solche Farbkorrektur aber gewünscht. Ein Sonnenuntergang würde beispielsweise seinen ganzen Reiz verlieren, wenn durch den automatischen Weißabgleich die warmen Farbtöne wieder kompensiert werden. Auch Farbfilter haben in Verbindung mit dem automatischen Weißabgleich oft keine Wirkung mehr.

Helligkeit

Wesentliche Aufgabe der RAW-Konvertierung ist die bereits erwähnte Gamma-Korrektur, durch die das Bild aufgehellt und die Tonwerte angemessen verteilt werden. Mit Hilfe der Helligkeitseinstellung im Kameramenü können hier letzte Feinabstimmungen vorgenommen werden.

Kontrast

Die Kontrasteinstellung regelt die Tonwertverteilung im Foto. Bei einem starken Kontrast werden die Tonwerte stärker in die hellen und dunklen Bereiche verschoben, während sie bei einem geringen Kontrast mehr im mittleren Bereich liegen.

Ein starker Kontrast kann eine starke Wirkung haben, die Farben scheinen gesättigter zu sein, das Bild wirkt klarer. Ein zu starker Kontrast kann jedoch die gesamte Bildwirkung zerstören. Im Zweifel sollten Sie deshalb an der Kamera einen geringen Kontrast vorwählen und falls erforderlich mit einem Bildbearbeitungsprogramm den Kontrast nachträglich erhöhen.

Farbsättigung

Ebenfalls meist über das Kameramenü einstellbar ist die Farbsättigung. Je höher der hier eingestellte Wert ist, umso reiner (bunter) werden Farben im Foto wiedergeben.

Die Farbsättigung scheint nicht allein eine Frage des persönlichen Geschmacks zu sein, sondern auch des kulturellen Hintergrunds. Angeblich sollen im angelsächsischen Raum Aufnahmen mit stark gesättigten Farben beliebt sein, während der Mitteleuropäer eine gedämpfte Farbwiedergabe bevorzugt. Überprüfen konnte ich den Wahrheitsgehalt dieser Aussage allerdings nicht.

Einige Kameras bieten auch einen Schwarz-Weiß-Modus, in dem die Aufnahme als Graustufenbild gespeichert wird. Sinnvoller ist es jedoch meist, eine Farbaufnahme in der späteren Bildbearbeitung in ein Graustufenbild umzuwandeln (siehe: Dunkelkammer - Schwarz-Weiß-Umwandlung).

Rauschunterdrückung

Bildrauschen lässt sich leider nicht vollständig vermeiden. In der RAW-Konvertierung wird deshalb versucht, das Rauschen aus den Daten wieder heraus zu rechnen. Leider ist auch dies kein Allheilmittel. Eine zu starke Rauschreduzierung im Rahmen der RAW-Konvertierung geht meist zu Lasten der Bildschärfe und -brillanz.

Für eine optimale Bildqualität ist es deshalb besser, die Rauschreduzierung über das Kameramenü - wenn möglich - zu reduzieren und mit geringeren ISO-Einstellungen zu arbeiten.

Bildschärfe

Schließlich wird die Aufnahme im Rahmen der Konvertierung noch nachgeschärft. Dieses Schärfen ist allerdings nicht geeignet, Fehler während der Aufnahme durch falsches Fokussieren, Verwackeln oder Bewegungsunschärfe zu beseitigen. Das Nachschärfen hat allein das Ziel, die sog. digitale Unschärfe zu beseitigen.

Bereits durch die Aufteilung eines Bildes in einzelne Pixel (Rasterung) kommt es in Grenzbereichen zu Ungenauigkeiten und Rundungsfehlern, die im Bild als leichte Unschärfe sichtbar werden. Bei CCD- und CMOS-Sensoren kommt es zudem durch den Anti-Aliasing-Filter zu einer weiteren Weichzeichnung des Bildes. Diese Unschärfe soll wieder beseitigt werden.

Das Nachschärfen erfolgt durch eine Kontrasterhöhung an Kanten. Dies ist ein massiver Eingriff in das Bild. Wird das Bild zu stark nachgeschärft, kann die ganze Bildwirkung verloren gehen. Deshalb sollte das Nachschärfen nur sehr vorsichtig und zurückhaltend eingesetzt werden.

Bei der Konvertierung am Computer ist meist eine sehr feine, auf das konkrete Motiv abgestimmte Steuerung der Schärfe möglich. Bei der Konvertierung in der Kamera sollte - wenn möglich - die Schärfefunktion abgeschaltet und später in einem Bildbearbeitungsprogramm nachgeholt werden.