6. Belichtungsprogramme

Um auch in hektischen Aufnahmesituationen zuverlässig die passende Kombination aus Blende, Belichtungszeit und ISO-Einstellung zu finden, bieten Hersteller oft unterschiedliche Belichtungsprogramme an.

Der kamerainterne Belichtungsmesser ermittelt das vorhandene Licht und das (automatische) Belichtungsprogramm wählt eine herzu passende Belichtungskombination. Für welche der denkbaren Kombinationen sich das Programm entscheidet, kann je nach Programm sehr unterschiedlich sein.

Vollautomatik und Motivprogamme

Die Vollautomatik ist das Rundum-Sorglos-Paket in der Konsumentenklasse; an vielen Kompaktkameras ist es leider oft das einzige zur Verfügung stehende Belichtungsprogramm.

Der große Vorteil der Vollautomatik ist, dass Sie sich um die Belichtung keinerlei Gedanken mehr machen müssen. Einfach die Kamera anheben und abdrücken. Der entscheidende Nachteil ist, dass Sie mit den Ergebnissen leben müssen, egal ob sie Ihnen gefallen oder nicht. Viele einfache Kameras bieten keine Möglichkeit der Belichtungskorrektur, andere nur, wenn Sie sich durch das komplette Progammmenü der Kamera arbeiten. Eigene kreative Ideen werden Sie mit der Vollautomatik nicht umsetzen können.

Die Programme zur Ermittlung der Belichtungskombination in der Vollautomatik sind zum Teil sehr komplex. So fließen bei der Berechnung nicht nur die Ergebnisse der Belichtungsmessung, sondern auch die vom Objektiv übermittelten Angaben zur Brennweite und Motiventfernung in die Berechnung ein. Dabei wird davon ausgegangen, dass die Aufnahme aus der freien Hand aufgenommen wird, weshalb wenn möglich eine entsprechend kurze Belichtungszeit vorgeschlagen wird. Gleichzeitig wird meist versucht eine möglichst große Schärfentiefe durch eine entsprechend geschlossene Blende zu erreichen. Bei schwachen Lichtverhältnissen kann dies oft nur mit hohen ISO-Einstellungen erreicht werden, wodurch es zu Bildrauschen kommt.

Es soll Kameras geben, die anhand der Belichtungsmessung typische Motive erkennen können und dann eine zum Motiv passende Belichtung auswählen. Meist werden jedoch für bestimmte Motive sog. Motivprogramme angeboten, z.B. für Porträt, Landschaftsaufnahmen, Sport usw. Motivprogramme arbeiten wie die Vollautomatik, wobei die Belichtung mehr auf die typischen Bedürfnissen des jeweiligen Motivs angepasst wird. Im Porträtprogramm wird meist eine eher große Blende für eine geringe Schärfentiefe gewählt, im Landschaftsprogramm ist es oft genau umgekehrt. Beim Sportprogramm wird meist eine möglichst kurze Belichtungszeit favorisiert, um Bewegung einzufrieren.

Programmautomatik (P)

Beispiel einer Programmautomatik für ein Normalobjektiv mit Lichtstärke 1.4 (grün), ein Weitwinkelobjektiv mit Lichtstärke 2.0 (rot) und ein Teleobjektib mit Lichtstärke 2.8 (blau).

Die Programmautomatik ist auf dem ersten Blick der Vollautomatik sehr ähnlich. Auch hier wird anhand der Belichtungsmessung eine Blende-Zeit-Kombination ermittelt. Es gibt in der Regel jedoch zwei entscheidende Unterschiede.

Zum Einen muss in der Regel bei der Programmautomatik die ISO-Einstellung vor der Aufnahme über das Kameramenü manuell gewählt werden.

Zum Anderen macht die Programmautomatik nur einen Vorschlag für eine mögliche Blende-Zeit-Kombination. Durch Drehen an einem Einstellrad kann der Fotograf schnell auch eine andere mögliche Kombination auswählen, ehe er die Aufnahme macht.

Die Programmautomatik ist ein sehr komfortables Programm, das gleichzeitig die Möglichkeit der individuellen Einflussnahme bietet. Dennoch wird der Anfänger in vielen Fotolehrbüchern vor diesem Programm gewarnt. Wie die Vollautomatik verleitet auch die Programmautomatik schnell dazu, die von der Kamera vorgeschlagene Blende-Zeit-Kombination unreflektiert zu übernehmen. Da das Programm meist akzeptable Ergebnisse liefert, bleiben dann die eigene Kreativität und der Lernerfolg auf der Strecke.

Halbautomatik (Tv & Av)

Sinnvoller sind sog. Halbautomatikprogramme. Bei diesen muss nicht nur die ISO-Einstellung, sondern entweder die Blende oder die Belichtungszeit vor der Aufnahme eingestellt werden. Die Kameraelektronik ermittelt dann die zu diesen Vorgaben passende Ergänzung von Belichtungszeit bzw. Blende.

Bei der Blendenautomatik (Tv), die auch Zeitvorwahl genannt wird, wird die Belichtungszeit vor der Aufnahme angegeben. Wird nun der Auslöser (halb) gedrückt, ermittelt die Kameraelektronik anhand der Ergebnisse der Belichtungsmessung eine hierzu passende Blende.

Bei der Zeitautomatik (Av), die auch Blendenvorwahl genannt wird, ist es genau umgekehrt. Sie geben die gewünschte Blende ein und die Kameraelektronik ermittelt die passende Belichtungszeit.

Ich persönlich mache inzwischen die überwiegende Mehrzahl meiner Aufnahmen mit einem dieser Belichtungsprogramme. In der Regel überlege ich mir im Vorhinein, welche Blende die zum Motiv passende Schärfentiefe erzielen könnte und stelle diese in der Zeitautomatik ein. Durch einen leichten Druck auf den Auslöser kann ich kontrollieren, ob die zur Blende passende Belichtungszeit auch Freihandaufnahmen erlaubt. Ist dies der Fall, kann ich eine ganze Serie von Aufnahmen machen, ohne mir Gedanken über die Belichtung machen zu müssen. Erst wenn sich die Lichtverhältnisse oder das Motiv ändern, beginne ich wieder von vorn.

Ist ausnahmsweise, z.B. bei Sportaufnahmen, die Belichtungszeit für das Motiv wichtiger als die Schärfentiefe, wechsele ich zur Blendenautomatik. Ich stelle die gewünschte Belichtungszeit ein und kontrolliere wieder, ob die passende Blende akzeptabel ist. Mit dieser Einstellung kann ich arbeiten, bis sich die Lichtverhältnisse oder das Motiv wieder ändern.

Nur wenn ich mit einem Handbelichtungsmesser selbst die Lichtmessung vornehme oder wenn ich mit Blitzlicht arbeite, nutze ich alternativ auch den manuellen Modus meiner Kamera.

Manueller Betrieb (M)

Der manuelle Betrieb ist genaugenommen kein Belichtungsprogramm. Hier werden weder Blende noch Belichtungszeit von der Elektronik vorgegeben, sondern müssen von Hand eingestellt werden. Über eine Skala auf dem Kamerabildschirm oder im optischen Sucher wird meist angezeigt, inwieweit die eingestellte Blende-Zeit-Kombination mit den von der Belichtungsmessung ermittelten Werten übereinstimmt.

Viele Fotolehrbücher raten Anfängern zu Beginn ausschließlich im manuellen Modus zu arbeiten; durch das Einregeln von Blende und Zeit würden auch die Zusammenhänge zwischen beiden am besten verständlich. Das ist richtig, wenn Sie, wie z.B. in der Landschaftsfotografie, genügend Zeit zum Einstellen haben. Wollen oder müssen Sie aber schnell reagieren, kann der manuelle Betrieb gerade für den Anfänger etwas umständlich sein.