2. Korrekte Belichtung

Begriffe wie Über- oder Unterbelichtung suggerieren die Vorstellung, es gäbe eine "richtige Belichtung" - dem ist jedoch nicht so. Die korrekte Belichtung ist eine sehr subjektive Sache. Was dem einen Fotografen richtig erscheint, findet der andere zu dunkel oder zu hell.

Fotografie ist ein künstlerisches Handwerk und Kunst ist immer subjektiv. Deshalb erscheint es fragwürdig, ob eine so wichtige Entscheidung wie die richtige Belichtung blindlings einem winzigen Computer in der Kamera überlassen werden kann.

Richtige Belichtung

Rein technisch gesehen gibt es durchaus eine "richtige Belichtung". Dies ist immer dann der Fall, wenn Farben und Tonwerte eines Motivs im Foto genau so wiedergegeben werden, wie sie bei der Aufnahme waren. Im Idealfall können Sie das Foto neben das Motiv halten und werden keinen Unterschied feststellen.

Technisch richtige Belichtungen sind insbesondere in der Wissenschaft oder in der Produktfotografie wichtig. Wenn Sie in einer Internetauktion ein rotes T-Shirt anbieten und ein Foto mit kräftigen und gesättigten Farben einstellen, ist der Ärger vorprogrammiert, wenn das Shirt tatsächlich ausgewaschen blassrosa ist.

Richtig belichtet?

Unter ästhetischen Gesichtspunkten ist eine technisch richtige Belichtung aber oft langweilig oder gar nicht zu realisieren. Das Beispiel rechts ist technisch gesehen völlig unterbelichtet. Die Person und die Hunde im Vordergrund sind gerade noch als Silhouetten zu erkennen. Auf der anderen Seite war es für die Farbenpracht des Sonnenuntergangs und die Lichtreflexe in den Wolken die richtige Belichtung. Da für beide Motive eine technisch richtige Belichtung nicht gleichzeitig möglich war, musste ich hier eine Entscheidung treffen.

Gezielte Über- und Unterbelichtungen sind zudem bewährte Stilmittel, um Stimmungen im Bild auszudrücken. Tendenziell wirken helle Bilder leicht und heiter, während dunkle Bilder oft schwer und gedrückt wirken. Im Beispiel konnte durch die Unterbelichtung die leicht melancholische Stimmung eines zu Ende gehenden Urlaubstages eingefangen werden.

Ob ein Foto richtig belichtet ist, hängt also fast ausschließlich von ihren persönlichen Vorstellungen und Absichten ab. Ein Foto ist immer dann korrekt belichtet, wenn es genau dem entspricht, was Sie sich während der Aufnahmen vorgestellt haben.

Da auch die beste Kameraelektronik ihre Vorstellungen und Absichten nicht kennen kann, liegt es allein an Ihnen, die Belichtung so zu steuern, dass Sie mit den Ergebnissen zufrieden sind.

Nachbearbeitung

Vielfach gibt es die Vorstellung, eine sorgfältige Belichtungssteuerung während der Aufnahme sei in der digitalen Fotografie nicht mehr so wichtig, da in der Nachbearbeitung am Computer alle Fehler wieder beseitigt werden könnten. Diese Annahme ist falsch.

Genaugenommen ist sogar das Gegenteil richtig. Da selbst moderne Kamerasensoren im Vergleich zu analogen Farb- oder gar Schwarzweißfilmen einen geringeren Dynamikumfang haben, reagieren Sie auf Fehlbelichtungen spürbar unnachgiebiger als entsprechendes Filmmaterial. Insbesondere Überbelichtungen führen bei Digitalkameras schnell zu ausgefressenen Lichtern, rein weißen Flächen ohne jede Bildinformation.

Auf der anderen Seite müssen die Daten des Kamerasensors ohnehin immer nachbearbeitet werden (sog. RAW-Konvertierung). Hierbei sind Korrekturen und Optimierungen der Belichtungen möglich. Hierzu sollten allerdings die Möglichkeiten der Nachbearbeitung bereits bei der Belichtung berücksichtigt werden.

Für das Foto rechts hatte ich während der Aufnahmen keine Hilfsmittel zur Hand, um den Kontrast zwischen hellen Himmel und den Schatten abzumildern. Um dennoch ein Foto machen zu können, wählte ich die Belichtung so, dass der helle Himmel zwar zu hell aber nicht überbelichtet aufgenommen wurde. Das führte dazu, dass die Schatten im Vordergrund zwar unterbelichtet wurden, aber ausreichend Bilddetails (Zeichnung) hatten (linke Aufnahme). So hatte ich in der RAW-Konvertierung genügend Bildinformationen, um den Himmel abzudunkeln und gleichzeitig die Schatten aufzuhellen (rechte Aufnahme).

RauschenWährend das Abdunkeln des Himmels relativ unproblematisch war, führte das Aufhellen der Schatten aber bereits zu Bildrauschen (Ausschnittvergrößerung rechts). Hätte ich während der Aufnahme den Himmel bereits korrekt belichtet, hätten die Schatten noch stärker aufgehellt werden müssen. Das Bildrauschen wäre noch stärker geworden. Zudem hätte ich auch mit Zeichnungsverlusten aufgrund von Unterbelichtung rechnen müssen.

Das Beispiel zeigt, dass Belichtung und Nachbearbeitung als Einheit gesehen werden müssen. Eine sinnvolle Nachbearbeitung bedarf bereits einer durchdachten Belichtung. Gleichzeitig zeigt das Beispiel aber auch, dass die Nachbearbeitung immer nur eine Kompromisslösung sein kann. Eine von Anfang an passende Belichtung wird immer auch eine bessere Bildqualität erzielen.